Autor: Archangel

„Where do you want to go today?“ – zu Deutsch „Wohin willst Du heute gehen?“ war eine grosse Image-Kampagne von Microsoft in den 90er Jahren. Die Frage nach dem Reiseziel möchte ich hier an Microsoft selber richten – und zwar in Bezug auf Windows Phone.

Beginnen wir mit einem Blick auf die aktuellen Smartphone-Modelle: Nach der Übernahme von Nokia im vergangenen Jahr kam Ende Jahr das Lumia 535 auf den Markt, es war das erste Lumia-Smartphone mit dem Microsoft-Logo auf der Rückseite.

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Microsoft Lumia 535. Quelle: Microsoft

Danach folgten Modelle wie das Lumia 532 und 435. Am Mobile World Congress in Barcelona im März 2015 wurden dann die Lumia 640 und 640 XL vorgestellt, welche seit Anfang April auch in der Schweiz verfügbar sind. Ich empfinde das Zahlenwirrwarr bei den Modellbezeichnungen als immer unübersichtlicher. Die Unterschiede zwischen den Modellen liegen häufig nur im Detail. Eine klare Differenzierung mit weniger Modellen wäre für den Kunden übersichtlicher. Alle hier aufgeführten Modelle zeichnen sich durch zwei Dinge aus: Sie sind preislich im unteren Segment – also unterhalb von 250 Schweizer Franken – angesiedelt. Dasselbe gilt auch für die Hardware, die man je nach Gerät ebenfalls der Unter- oder allenfalls Mittelklasse zuordnen kann. Geräte bis rund 500 Franken zähle ich zur Mittelklasse, ab etwa 750 Franken beginnen die Premium- oder so genannten „Flaggschiff“-Geräte. Wobei man noch erwähnen sollte, dass Microsoft und Nokia mit ihren Top-Modellen preislich immer schon etwas darunter lagen.

Ich mag Windows Phone

Ich sag es ganz offen und ehrlich: Ich mag das Betriebssystem Windows Phone. Es ist vom Bedienungskonzept sehr klar und einfach aufgebaut, nicht überfrachtet mit Einstellungsmöglichkeiten und gibt mir als Anwender alles was ich brauche. Gerade die Verknüpfung mit Office 365 und SharePoint ist sehr gut gelungen, wobei auf dem Smartphone die Notiz-App OneNote für mich die wichtigste Anwendung aus dem Office 365-Paket ist. Die „Kacheln“ ist sicher ein etwas eigenwilliges User Interface aber sind deswegen alles andere als schlecht. Ebenfalls gut gefallen mir die Karten- und Navigationssoftware „Here“ und die Integration von anderen Cloud-Diensten wie iCloud, was zeigt, dass Microsoft auch gegenüber Diensten anderer Anbieter offen ist. Zudem ist der Passwort-Manager 1Password, der für mich ein unentbehrliches Hilfsmittel im Alltag ist, als App verfügbar. Mehr zu unseren Erfahrungen mit Windows Phone könnt Ihr auch in unserem Beitrag zum Lumia 930 nachlesen.

„Ich weiss, dass die Verfügbarkeit von Apps im Vergleich zu Android und iOS ein grosses Problem ist. Für meinen Alltag finde ich jedoch unter Windows Phone alle Apps, die ich benötige.“ (Archangel von hitzestau.com)

Und ich mag auch die Geräte, auf denen es läuft. Da ist zum Beispiel das Lumia 930, welches wir im vergangenen Sommer hier auf dem Blog ausführlich vorgestellt haben. Neben dem Handling und dem Display hat mir insbesondere die PureView-Kamera mit der Optik von Carl Zeiss gut gefallen. Die Kamera ist generell für mich ein grosser Pluspunkt, den sie unterstützt sogar das Aufnehmen von RAW-Bildern, eine Funktion, die man bei anderen Herstellern kaum findet. Android hat die Unterstützung dafür drin, aber aktuell gibt es kaum Smartphone-Modelle, welche es auch unterstützen.

Zudem gab es unter Nokia auch immer wieder aus dem Rahmen fallende Modelle, zum Beispiel das Lumia 1020 mit einer 41 Megapixel Kamera oder das Lumia 1520, welches mit einer Displaydiagonale von sechs Zoll in der Kategorie „Phablet“ – einer Mischung aus Smartphone und Tablet – angesiedelt werden kann. Bilder, die wir mit dem Lumia 930 oder 1520 gemacht haben, findet Ihr auch auf unserem 500px-Profil im Album „Lumia World„.

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Lumia 1520. Quelle: Microsoft

Ungewisse Zukunft

Aber ich sehe ein paar dunkle Wolken am Horizont aufziehen, was die weitere Zukunft von Windows Phone angeht. Zwar konnte sich Windows Phone gemäss den Marktforschern von IDC in Westeuropa als dritte Kraft hinter Android und iOS etablieren, auch wenn die Wachstumszahlen bei den beiden Marktführern im Jahr 2014 deutlich höher lagen als bei Windows Phone. Die Marktanteile sind klar verteilt, die folgenden Zahlen stammen aus der IDC-Erhebung vom Februar 2015 und gelten ebenfalls für Westeuropa: Android (71.2 %), iOS (21.2 %), Windows Phone (6.8 %), Blackberry (0.7 %).

Mit Windows Phone führt Microsoft seit Jahren eine Aufholjagd – und bisher reicht es nur für den dritten Platz mit einem grossen Abstand auf den Zweitplatzierten. Nach wie vor stellt die Verfügbarkeit von Apps ein grosses Hindernis für die Attraktivität der Plattform dar. Im App Store von iOS findet man aktuell rund 1.4 Millionen Apps, im Store für Windows Phone sind es rund 340’000. Selbst für grosse Social Networks wie Instagram oder Pinterest gibt es nur eine Beta-App oder keine offizielle des Networkbetreibers selber. Wo liegt also für Entwickler oder Anbieter von allgemeinen Dienstleistungen die Attraktivität, für die Windows Phone-Plattform zu entwickeln? Ich will hier nur ein Alltagsbeispiel herausgreifen: Für das neue Car-Sharing Angebot „Catch a Car“ kann man in der Stadt Basel via iOS- oder Android-App Fahrzeuge reservieren – eine App für Windows Phone-Anwender sucht man vergeblich. Was Windows Phone dringend braucht, ist ein attraktives Öko-System mit Apps von Drittanbietern. Zum Öko-System gehören ausser Apps auch eine bessere Konnektivität um Inhalte auf andere Geräte zu streamen – ein Vorbild hierfür ist AirPlay von Apple – sowie Verknüpfungen zu Wearables oder Anwendungen für das Smart Home.

Zum Gesamtpaket eines mobilen Betriebssystems gehören aber auch eigene Premium-Apps. Bei Windows Phone gehört aus meiner Sicht die Lumia Camera dazu, die von Nokia übernommen wurde. Ebenfalls in diese Kategorie gehört der Kartendienst „Here“, den ich oben schon erwähnt habe. Allerdings machen seit Tagen Verkaufsgerüchte für „Here“ die Runde, was im schlimmsten Fall bedeuten würde, dass Windows Phone einen wichtigen Stützpfeiler verlieren könnte.

„Aber es geht mir nicht nur um Marktanteile oder die Frage, wie viele mobile Betriebssysteme sich überhaupt im Markt etablieren können. Wenn ich mir die Smartphone-Modelle anschaue, die von Microsoft in den letzten Monaten neu lanciert wurden, hab ich die Befürchtung, dass Windows Phone inklusive der Geräte in das „günstige Segment“ abrutschen und von dort auch nicht mehr wegkommen.“ (Archangel von hitzestau.com)

In einem Interview mit The Verge gab Neil Broadley, bei Microsoft verantwortlich für das Marketing von Mobilgeräten, bekannt, dass erst nach dem Release Windows 10 im Sommer mit einem neuen Lumia-Flaggschiff gerechnet werden kann. Aber trotzdem: Microsoft bietet unterdessen wie oben beschrieben mehrere preisgünstige Smartphones als Einstieg in die Erlebniswelt von Windows Phone und den dazugehörigen Microsoft -Dienste wie Office 365, OneDrive oder Skype an. Ich frage mich, ob Microsoft auf diesem Weg wirklich längerfristig Kunden überzeugen und binden kann. Im Idealfall sollen diese auch später bereit sein, mehr Geld für ein Gerät auszugeben oder es anderen zu empfehlen.

Die Qualität der gemachten Erfahrungen ist ein weiterer Punkt, dem man Beachtung schenken sollte: Mit dem Lumia 535 hatte ich vor kurzem die Möglichkeit, selber ein paar Eindrücke zu sammeln. Natürlich habe ich sozusagen „im Hinterkopf“ ständig einen Vergleich zum Lumia 1520 oder 930 gezogen: Viele der positiven Erlebnisse, die ich bisher mit der Plattform und den Geräten gemacht habe und die auch in der Medienberichterstattung hervorgehoben wurden, sind hier nicht nachvollziehbar – oder wenn, nur in einer abgespeckten Form. Das Öffnen und Schliessen von Apps und der der Wechsel zwischen den einzelnen Screens läuft nicht wirklich flüssig, das Display wirkt nicht besonders scharf. Features wie die Swipe-Tastatur, die zu letztjährigen Neuerungen von Windows Phone 8.1 gehörte, fehlen ganz. Auch die Kamera, auf die bei früheren Lumia-Modellen immer besonders viel Wert gelegt wurde, produziert auch bei guten Lichtverhältnissen nur Bilder, die ich bestenfalls als schwammig bezeichnen kann.

Bei hitzestau haben wir uns gefragt, ob es für einen Hersteller wirklich lohnt, solche Geräte zu produzieren? Klar, man kann kurzfristig Marktanteile gewinnen und jedes neue Gerät generiert auch wieder Medienberichterstattung. Aber immer wieder auf Kurzlebigkeit ausgelegte Geräte auf den Markt zu bringen ist nicht nur eine Frage der Ökonomie, sondern auch der Ökologie, die für einen gewissen Teil der Kunden auch ein Kriterium ist. Zudem stellt sich aus Kundensicht die Frage, ob es anstatt eines der neuen Modelle nicht sinnvoller ist, für einen relativ geringen Aufpreis das Flaggschiff Lumia 930 zu erwerben. Dies ist in der Schweiz unterdessen für unter 400 Franken zu haben.

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Lumia 535. Quelle: Microsoft

Zum Markenerlebnis gehört für mich aber auch, wie der Anbieter die Updates seiner Software zur Verfügung stellt. Was die Auslieferung von Updates für Windows Phone angeht, scheint Microsoft noch keine Linie gefunden zu haben. So kamen beispielsweise mehrere neue Lumia-Modelle mit dem „Denim“-Update in den Handel, bevor das Update für die grösseren Modelle wie das 930 oder 1520 überhaupt verfügbar war. Vorgestellt wurde das Denim-Update Anfangs September 2014, in der Schweiz wurde es beispielsweise für Besitzer eines 1520 erst Anfangs Februar 2015 bereitgestellt.

„Wenn Microsoft sich mit Lumia-Topmodellen zurückhält, hätte ich mir wenigstens eine zeitnahe Pflege der vorhandenen Modelle gewünscht. Zudem waren die Informationen der einzelnen Provider und auch von Microsoft selber eher spärlich und tönten mehr nach Vertrösten als nach Information.“ (Archangel von hitzestau.com)

Bei den günstigen Modelle stellt sich zudem die Frage, wie lange diese unterstützt werden. Bei manchen Modellen verspricht Microsoft explizit die Update-Fähigkeit für das kommende Windows 10. Das ist dann die Chance für Microsoft und die Telefongesellschaften, den Roll-Out besser zu gestalten und es nicht zu so langen Fristen wie beim Denim-Update kommen zu lassen. Aktuell habe ich als Anwender einfach den Eindruck, die Verantwortung für die Verteilung der Updates wird zwischen Telefonprovidern und Gerätehersteller hin- und her geschoben. Unter dem gleichen Problem leidet übrigens auch Android. Von den grossen Anbietern schafft es aktuell nur Apple, seine iOS-Updates global bereitstellen.

Durch die Tatsache, dass Microsoft Hardware-Hersteller wie auch Herausgeber des Betriebssystems ist, hätten sie die Chance es besser – sprich zügiger und transparenter für den Anwender – zu machen. Es mutet schon etwas merkwürdig an: Beim Desktop-Windows gibt es globale Roll-Outs, und bei Windows Phone soll so etwas nicht möglich sein? Dabei ist das Thema Updates gerade auch bei Smartphone wichtig, wenn es um Security-Fragen geht oder um bessere Kompatibilität mit älteren Geräten.

Fazit

Am Anfang des Artikels habe ich die Frage in den Raum gestellt, wohin für Windows Phone die Reise gehen wird. Auch wenn mit Windows 10 im Sommer einige Änderungen ins Haus stehen, bleiben für mich die grundlegenden Fragen um Marktanteile, Markenerlebnis und die Strategie bei der Hardware für die Lumia-Geräte erhalten.

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Lumia 640. Quelle: Microsoft

Die „Lumia“-Gerät der vergangenen Jahre waren immer solide Smartphones, auch ohne das beispielsweise immer die absolut schnellsten Prozessoren verbaut wurden. Den Entwicklern gelang es, sparsam und clever mit den Ressourcen umzugehen und einzigartige und innovative Geräte zu entwickeln. Davon ist bei der aktuellen Geräte-Generation leider wenig zu spüren – im Gegenteil muss man sich fragen, wie kurz der Lebenszyklus der Geräte hier geworden ist und ob nicht auf die Gefahr besteht, dass enttäuschte Kunden sich mit schlechten Erfahrungen von der Plattform abwenden.

Was Windows Phone dringend braucht, ist mehr Markentreue von Seiten der Anwender, mehr Kontinuität innerhalb der Lumia-Gerätereihe und ein Öko-System mit Apps, Konnektivität und einem verbesserten Gesamterlebnis was die Verknüpfung von mobilen Geräten und Desktop anbelangt.


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