Am 26. April 1986 ist im Kernkraftwerk Tschernobyl der Reaktor 4 explodiert. Damals gelang es den Behörden der Sowjetunion den Vorfall über 48 Stunden geheim zu halten – heute wären Minuten nach der Explosion erste Meldungen auf Twitter aufgetaucht. Heute, also 30 Jahre später, gibt es die Sowjetunion nicht mehr und der Betrieb des Kernkraftwerkes ist eingestellt worden. Das Vermächtnis sowohl der UdSSR als auch der Reaktor-Ruine strahlt jedoch bis in unsere Gegenwart nach – und auch noch weit darüber hinaus.

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Quelle: Shutterstock

Wenn heute die Blicke und die Medienberichterstattung 30 Jahre zurückblicken, geht vergessen, dass es in Tschernobyl schon vier Jahre vorher zu einem Unfall mit einer grossflächigen Verstrahlung kam. Am 1. September 1982 wurde beim Reaktor 1 durch einen Bedienungsfehler ein Brennelement zerstört. Eine grosse Menge radioaktiver Substanzen wurden über das Kernkraftwerk und die angrenzende Stadt Prypjat verteilt. Das Personal, das mit der Liquidation der Konsequenzen dieses Unfalls beschäftigt war, erhielt hohe Strahlendosen. Das Ereignis wird auf der INES-Liste als Level 5 eingestuft. Anhand der Liste (INES steht für International Nuclear and Radiological Event Scale) wird der Schweregrad eines Unfalls eingestuft. Der Unfall in Tschernobyl vom 26. April 1986 wird als Level 7 eingeordnet, der höchsten Stufe der Skala.

Wir wollen hier keine historische Rückschau oder ein Plädoyer für den Ausstieg aus der Kernenergie halten, sondern Euch zeigen, wie wir uns in den letzten Wochen mit dem Thema „Tschernobyl“ auseinander gesetzt haben und was uns dabei alles bewusst geworden ist oder wovon wir zum ersten Mal erfahren haben.

Aber warum das Ganze? Für uns, wie wohl für viele andere auch, löst der Anblick eines Kernkraftwerk bisschen ein mulmiges Gefühl in der Magengegend aus. Im Zuge der Fernsehberichte über Fukushima fünf Jahre nach der Katastrophe ist für uns das Thema Kernkraft aktuell geworden. Wir haben uns gefragt, wie ein Kernkraftwerk eigentlich wirklich funktioniert. Zudem wollten wir mehr wissen, was in Tschernobyl damals genau passiert ist.

Infoquellen zur Technik

Aber zuerst mal zur Frage, wie ein Kernkraftwerk überhaupt funktioniert. Mit Google lässt sich das natürlich sofort rausfinden, das ist kein grosses Geheimnis. Der Wikipedia-Eintrag ist recht ausführlich. Die Grundlagen sind auch für uns als Laien gut verständlich, aber dann wird es schnell kompliziert: Das trifft insbesondere auf die verschiedenen Typen von Kernreaktoren zu: Der Druckwasser-Reaktor ist die weltweit am häufigsten eingesetzte Technologie, rund zwei Drittel aller Reaktoren auf der Welt sind nach dieser Bauart konstruiert. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA unterscheidet insgesamt sechs verschiedene Typen. Der in Tschernobyl verwendete Typ war ein so genannter Siedewasser-Druckröhrenreaktor. Dabei handelte sich um eine russische Entwicklung, aktuell sind noch 15 solcher Reaktoren in Betrieb.

Interessant ist auch, wer alles Informationen zur Technik bereitstellt. Neben den Betreibern von Kernkraftwerken, verschiedenen internationalen Organisationen und staatlichen Behörden sind dies vor allem Lobby-Gruppen der Befürworter- sowie der Kritiker-Seite.

Bei allem Risiko, das ein Kernkraftwerk darstellt und bei allem menschlichen Leid, das Unfälle schon verursacht haben, geht von einer Reaktoranlage auch eine gewisse Faszination aus. Das gilt vor allem für solche Bilder wie die hier folgenden, die das Reaktorbecken zeigen. Beim Anblick des tiefblauen Wassers könnte man ins Träume geraten…

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Reaktorbecken bei der Revision im KKW Beznau / Schweiz. Quelle: kernenergie.ch

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Blick in einen offenen Reaktor. Quelle: Vattenfall

Auf den beiden oberen Bildern sieht man den geöffneten Reaktor-Druckbehälter beim Wechseln der Brennstäbe. Das untere Bild zeigt den Reaktor 4 von Tschernobyl. Angesichts der obigen Bilder, wo der offene Reaktor unter Wasser steht, war uns lange nicht klar, wie das Bild aus Tschernobyl zu verstehen ist oder was man da tatsächlich drauf sieht.

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Quelle: spiegel.de

Des Rätsels Lösung lieferte uns diese Grafik des ENSI (Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat). Ohne hier zu sehr ins technische Detail gehen zu wollen, anhand der Bilder werden grundlegende Unterschiede zwischen einem Druckwasser-Reaktor und dem in Tschernobyl verwendeten Typ deutlich. Der Druckröhrenreaktor russischer Bauart kommt ohne Druckbehälter aus, was man auf dem Bild sieht, sind die oberen Abdecksteine der einzelnen Röhren, welche die Brennelemente enthalten.

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Quelle: ENSI

Infos zu Tschernobyl

Nun aber zur Katastrophe von Tschernobyl selber. Nachdem wir die Wikipedia-Einträge gelesen hatten, haben wir uns bei YouTube auf die Suche nach Dokumentationen gemacht. Es gibt zwar viel Material zum Thema, aber gute Dokumentationen zu finden war gar nicht so einfach. Das liegt zum einen daran, dass es schon 30 Jahre her ist und viele Bericht einfach online nicht verfügbar sind. Und dann spielt sicher auch eine Rolle, dass das Ganze unter einem sozialistischen Regime stattgefunden hat: Vieles was Kernenergie betraf, wurde geheim gehalten. Fehler wurden heruntergespielt. So dauerte es damals nicht nur mehr als zwei Tage, bis die offizielle UdSSR via Fernsehen zugab, dass sich im Kernkraftwerk Tschernobyl etwas ereignet hatte. Auch die eigene Bevölkerung wurde im unklaren gelassen. So ging es rund 36 Stunden, bis etwa 30 Kilometer vom Kraftwerk entfernt gelegene Stadt Prypjat, wo auch viele Angestellte wohnten, evakuiert wurde.

Wir haben uns mehrere längere Dokumentationen angesehen. Dabei ist uns aber aufgefallen, dass jeder Beitrag die Details der Ereignisse anders darstellt. So ist es schwierig herauszufinden, was wirklich genau passiert ist, also beispielsweise welche Entscheidungen im Kontrollraum des Reaktors getroffen worden sind. Es gibt zum Teil Widersprüche in den Aussagen, und auch die Wahrnehmung der Ereignisse ist nicht bei jeder Doku dieselbe.

Hier eine Auswahl von den Beiträgen, die wir uns angesehen haben: Als erste haben wir uns den Film „Tschernobyl – Minuten der Entscheidung“ anschaut. Er stellt die Nacht des Unfalls aus der Sicht der Mannschaft im Kontrollraum von Reaktor 4 dar. Als zentrale Figur wird hier der Schichtleiter dargestellt, der mit blindem Ehrgeiz und ohne auf die Bedenken der Techniker einzugehen, den Test mit dem Reaktor durchziehen wollte. In keinem anderen Film, den wir gesehen haben, hatte er so eine prominente Stellung.

Nachdem wir „Tschernobyl: Alles über die grösste Atomkatastrophe der Welt“ waren wir erstmal still vor Beklommenheit. Im Gegensatz zum ersten Film lag der Schwerpunkt auf den Folgen der Katastrophe und den Aufräumarbeiten zur Bewältigung. Am meisten beeindruckt haben uns die so genannten „Liquidatoren“, die in improvisierten Schutzanzügen den hochradioaktiven Schutt von einem Dach wegschaufeln mussten. Die Strahlung war dort so hoch, dass sie nur rund 45 Sekunden arbeiten konnten, bevor man sie wegschickte. Trotzdem gingen viele mehrfach auf das Dach.

Für die Aufräumarbeiten war eine ungeheuer grosse Masse an Menschen notwendig – wie viele daran gestorben sind oder unter der Strahlenkrankheit bis heute leiden, ist umstritten. Allein in ersten anderthalb Jahren nach der Katastrophe wurden rund 200’000 Menschen in der Region um Tschernobyl eingesetzt.

Wir haben uns gefragt, wie man in Westeuropa eine Katastrophe solchen Ausmasses bewältigen würde. Eine Diktatur wie die damalige Sowjetunion konnte Arbeiter und Soldaten zwangsrekrutieren und bewusst in den sicheren Tod schicken – aber wäre das in einem Land wie der Schweiz oder Deutschland undenkbar. Nur wer würde dann die notwendige Arbeit machen? Ferngesteuerte Roboter versagen den Dienst auf Grund der hohen Strahlung, das hat man in Tschernobyl und auch in Fukushima gesehen. Die Frage bleibt für uns unbeantwortet, sie lässt aber ein ungutes Gefühl zurück.

Auch wenn viele dieser „Liquidatoren“ zur Arbeit gezwungen und nicht über die Risiken aufgeklärt wurden, gilt unser Dank und Respekt ihrer Arbeit und dem Opfer, das sie persönlich gebracht haben. Ohne ihren Einsatz wäre es sehr wahrscheinlich für viele Menschen in Europa noch um einiges schlimmer ausgegangen.

Der Film „Tschernobyl – Der Millionensarg“ greift unter anderem die Frage nach dem Verbleib des Kernbrennstoffes aus dem Reaktor auf. Nach offiziellen Angaben sind bei der Explosion und dem anschliessenden Brand nur etwa 4% des Brennstoffs vernichtet worden, der Rest sei im zerstörten Reaktor verblieben. Der Film zeigt einen deutschen Wissenschaftler, der jedoch genau vom Umgekehrten ausgeht. Zudem zeigen Videoaufnahmen aus dem Inneren des zerstörten Reaktor, dass dort kein Brennstoff mehr vorhanden ist.

Der Beitrag von N24 ist für uns ein Beispiel einer sehr schlecht gemachten Dokumentation. Zudem stellt er die Ereignisse im Kontrollraum völlig anders dar, als der Beitrag, den wir zuerst gesehen hatten. Der ehrgeizige Schichtleiter fehlt hier komplett, es wird so dargestellt, als hätten zwei dilettantische Techniker den Reaktor hochgehen lassen. Deshalb haben wir den Beitrag nicht zu Ende geschaut.

Die Liste könne man natürlich noch ein ganzes Stück weiterführen, wie gesagt, wir haben hier einfach ein paar Beiträge zusammengestellt, die wir selber gesehen haben. Aber die vier Beispiele zeigen gut, wie unterschiedlich die Ereignisse dargestellt werden – je nachdem wer die Beiträge verfasst hat und auf welchen Informationen sie beruhen. Auch bekommt man bei all den Interview-Partnern nicht immer den Eindruck, dass der Wille zur Wahrheit und Aufklärung sehr gross war und bis heute ist.


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