Autor: Archangel

In den letzten Wochen hat sich die Debatte um die No Billag-Initiative weiter zugespitzt. Befürworter und Gegner haben sich mit ihren Argumenten tief eingegraben, eine Diskussion findet eigentlich kaum statt. Höchste Zeit, dass der 4. März mit der Abstimmung endlich kommt, denn der ewig gleiche Schlagabtausch wird immer mühsamer zu ertragen. Vor allem die Gegner der Initiativ treten mit Behauptungen auf, die für mich – oder für uns beide bei hitzestau.com – nur noch schwer zu ertragen sind.

Die Gegner drängen die Befürworter immer wieder in die Rolle zu erklären, wie die Schweizer Medienlandschaft nach dem 4. März aussehen wird, welche Sendungen es noch geben wird und wie auf die „Schweizer Besonderheiten“ Rücksicht genommen werde. Profiteure des SRG-Systems, vom Trachtenverein über Skirennen bis hin zu Schweizer Musikern, monieren sie würden eine Plattform verlieren, auf sie auftreten und für sich Werbung machen können. Es wird zwar ansatzweise über „Pay-TV“ gesprochen – als wären die SRG-Programme jetzt kostenlos – aber das Bild was gezeichnet wird, ist immer eine leere Wüste.


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Ich finde es ehrlich gesagt schon fast frech. Es ist nicht die Aufgabe der Initianten zu erklären, wer welche Sendungen machen könnte in Zukunft. Viel schlimmer finde ich jedoch, dass es die Gegner niemandem in der Schweiz zutrauen, etwas Neues aufzubauen. Gebühren werden immer als die absolute Grundvoraussetzung dargestellt, mit denen man dann das System eines linearen Vollprogramms erhalten will. Klar braucht es Geld, um Inhalte zu produzieren. Aber es gibt noch andere Geldquellen ausser ausländischen Investoren oder inländischen Milliardären.

Es ist dringend angezeigt, mal über den Tellerrand hinauszuschauen. Die Welt ist keine Scheibe mehr, an deren Gebühren-Rändern alles ins Nichts stürtzt.


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Die Medienwelt hat sich verändert, das gilt für die Produktion und Verbreitung von Inhalten genauso wie für die Sehgewohnheit der Konsumenten. Ein lineares Radio- oder TV-Vollprogramm, das von zentralen Sendeanstalten produziert wird, entspricht immer weniger den Bedürfnissen der Konsumenten. Zur Verbreitung von Inhalten reicht eine gute Internet-Infrastruktur und Vertriebs-Plattformen für Streaming von Video- und Audio-Beiträgen gibt es ebenfalls, auch mit integrierten Lösung für Abo- und Bezahlmodelle. Der Weg zum Konsumenten führt heutzutage über viele Wege. Wer sich in letzter Zeit einen neuen Fernseher gekauft hat, findet viele Apps vorinstalliert, über die sich einzelne Beiträge anschauen lassen – ganz ohne eine zentrale TV-Anstalt. Das reicht von den bekannten Streaming-Anbietern wie Netflix bis hin zu kleinen Nischenanbietern. Ihre Inhalte würden es vielleicht nie in ein SRG-Programm schaffen, aber gerade das schafft Vielfalt.

Und wo soll das Geld herkommen? Neben den bereits diskutieren Abo-Lösungen geht eine Möglichkeit vergessen, die es erlaubt viele Leute an einer Produktion zu beteiligen: die Finanzierung über Crowdfunding. Gerade wem der Solidaritätsgedanke zur Unterstützung von Künstlern oder finanzschwachen Regionen am Herzen liegt – hier sind wir wieder bei den Kernargumenten der Initiativgegner – findet hier Möglichkeiten, selber Projekte zu lancieren und andere zu unterstützen. Nur das es halt auf freiwilliger Basis geschieht und nicht gesetzlich erzwungen. Echte Solidarität kann sowieso nur auf Freiwilligkeit und Überzeugung basieren und kann nicht von oben verordnet werden.


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Wir haben schon mehrere Dokumentarfilm-Projekte via Crowdfunding unterstützt. Letztes Jahr ist mit Star Trek Continues eine TV-Serie zu Ende gegangen, welche jahrelang über Crowdfunding finanziert wurde. Und das ist nur ein Beispiel unter vielen. Woher kommt denn jetzt schon die Überzeugung, dass solche Modelle sich nicht für die Bedürfnisse des Schweizer Publikums entwickeln lassen? Hier stecken auch noch ganz andere Perspektiven drin: direkter Dialog zwischen Projekt-Initianten und Unterstützern ist nur ein Beispiel – und damit wäre auch dem Aspekt „Landeszusammenhalt“ genüge getan, denn ein Gemeinschaftsgefühl bildet sich zwischen Menschen, nicht zwischen abstrakten Regionen. Und mit Entwicklungen wie der Digitalisierung oder Arbeitsmodellen à la Industrie 4.0 sind sicher auch neue Geschäfts- und Erwerbsmodelle denkbar. Mit der gesetzlich zementierten Vormachtstellung eines einzigen Anbieters hingegen wird jedoch viel Potential im Keim erstickt und finanzielle Mittel per Zwang gebunden.

Wenn sich in der Schweizer Medienlandschaft etwas ändern soll, setzt das aber auch voraus, dass sich die Leute mit Themen wie Streamingplattformen, Bezahlmodellen, Apps, Online-Kommunikation oder dem Abspielen von Webinhalten auf dem Fernseher im Wohnzimmer aktiv auseinandersetzen. Radio und Fernsehen sind klassische passive Konsum-Medien. Jenseits vom linearen Vollprogramm warten aktive Beteiligung, ein sich auseinandersetzen mit Technik und mehr Nähe zu Anbietern von Inhalten und Menschen die sie finanzieren.


1 Antwort : “No Billag: Über den Tellerrand hinausschauen [Archangel Weekly]”

  1. Fabian M. sagt:

    Danke für die erfrischende Sichtweise, ich find’s auch sehr nervig wie die Diskussion und die Argumente von Seiten der Initiativ-Gegner verlaufen. Ich bin für ein JA zur Initiative. Es braucht gar nicht so viel Fantasie sich vorzustellen, was für ein Potential freigesetzt werden kann, wenn der Deckel mit den Gebühren wegfällt. Ich find es für die ganze Schweizer Gesellschaft beschämend, wie rückwärts orientiert viele sind und nur am bestehenden festhalten wollen.

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