Katastrophen bedeuten immer Tod und Leid für eine grosse Anzahl Menschen. Sie wecken ein Bedürfnis zu helfen, können aber auch gleichzeitig eine morbide Faszination und Anziehungskraft ausüben. Dabei spielt es keine Rolle, wie lange das tragische Ereignis schon her ist: Orte wie Auschwitz, Ground Zero in New York oder die Schlachtfelder von Verdun aus dem Ersten Weltkrieg – sie alle sind sowohl Gedenkstätten und als auch Anziehungspunkte für Touristen aus der ganzen Welt.

Sperrzone

Warum sollte das bei Tschernobyl anders sein? Um das stillgelegte Kraftwerk gilt eine Sperrzone [Wikipedia] mit einem Radius von 30 Kilometern. Alle Ortschaften wurden evakuiert, zu den bekanntesten gehörten die Stadt Chernobyl [Wikipedia] (rund 15 Kilometer entfernt vom KKW) und Prypjat [Wikipedia] (3.5 Kilometer entfernt vom KKW). In Chernobyl leben heute rund 700 Menschen, Prypjat ist komplett verlassen. Vor der Katastrophe lebten dort rund 50’000 Menschen, die Stadt war für die Arbeiter des Kernkraftwerks und ihre Familien errichtet worden.

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Ehemaliges Kernenergie-Institut. Quelle: Wikimedia Commons

Prypjat ist heute eine Geisterstadt. Die Natur holt sich die zubetonierten und überbauten Flächen langsam zurück. Überreste untergegangener Zivilisationen sind uns allen bekannt – die Tempelanlagen von Angkor Wat[Wikipedia] in Kambodscha sind Zeuge des untergegangenes Reiches der Khmer, die Ruinen der Stadt Machu Picchu [Wikipedia] in Peru markieren bis heute die ehemalige Herrschaft der Inkas, bevor sie von den Spaniern erobert wurden. Die Blütezeit von Angkor Wat und Machu Picchu liegt Jahrhunderte zurück – die Stadt Prypjat wurde erst vor 30 Jahren evakuiert und war bis zum Tag der Katastrophe am 26. April 1986 eine junge und aufstrebende Stadt im Sowjetimperium. Vielleicht liegt auch hier ein Grund für die Faszination, welche die Stadt auf gewisse Menschen ausübt – der zeitliche Abstand ist nur klein, wir nehmen Prypjat als Teil unseres eigenen Kulturkreises war. Die Architektur der Gebäude wirkt vielleicht etwas fremd, aber mit den heute bekannten „Wahrzeichen“ von Prypjat wie dem Riesenrad oder dem Autoscooter kann sich jeder identifizieren.

Ort der Apokalypse

Die Stadt gibt uns heute einen Eindruck davon, wie es bei uns aussehen könnte, wenn alle Bewohner wegen einer Katastrophe schlagartig ihre Häuser und Wohnungen verlassen müssten. Wir alle sind uns bewusst, dass die Menschheit die Technologie besitzt, sich selber auszulöschen – und Prypjat führt uns dies ganz schonungslos vor Augen. Hier ist keine antike Zivilisation untergegangen – hier könnten es wir selber sein: Prypjat ist Realität gewordene Post-Apokalypse.

Die Bilder von wachsenden Bäumen und verlassenen Freizeitanlagen vermitteln aber ein trügerisches Bild. Es gibt immer noch Orte mit hoher Strahlung, die man nicht sehen und nicht riechen kann. Die Vegetation hat sich an die Strahlenbelastung angepasst, was sicher auch zu genetischen Veränderungen geführt hat. Mit der Zeit werden sich diese auch über die Grenzen der Sperrzone hinaus verbreiten, was zu neuen Problemen führen kann.

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Autoscooter in Prypjat. Quelle: Wikimedia Commons

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Blick von Prypjat Richtung Kraftwerk. Quelle: Wikimedia Commons

Die Bewohner von Prypjat sind nie mehr in ihre Stadt zurückgekehrt, für die Evakuierten wurden eine neue Stadt in der Nähe aus dem Boden gestampft. Sie mussten Alles zurücklassen – trotz der Strahlung hat Prypjat beim Zusammenbruch des sowjetischen Systems zahlreiche Plünderer angezogen. Wo beispielsweise die herausgerissenen Lavabos und WC-Schüsseln heute sind, mag man sich besser nicht vorstellen.

Viel Material, das für die Aufräumarbeiten eingesetzt wurde, ist in der Sperrzone zurückgelassen worden. Berühmtheit hat der „Friedhof der Fahrzeuge“ erlangt, wo sich Helikopter, Panzer und Lastwagen aneinanderreihen. Auch hier machten die Plünderer auf der Suche nach Ersatzteilen nicht halt.

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„Friedhof der Fahrzeuge“. Quelle: Wikimedia Commons

Das stillgelegte Kernkraftwerk Tschernobyl treibt dies noch auf die Spitze – wer nach der Hölle auf Erden sucht, wird hier sicher fündig. Reaktor 4 ist seit 1986 mit einem Sarkophag aus Beton und Stahl überdacht, wie es im Innern aussieht, wissen nur wenige. Da die Bausubstanz zerfällt, wird nebendran eine grosse Hangar-ähnliche Halle gebaut, die nächstes Jahr über das bestehende Gebäude geschoben werden soll.

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Sarkophag von Reaktor 4 in Tschernobyl. Quelle: Wikimedia Commons

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Nebenan wird die neue Hülle gebaut. Quelle: Wikimedia Commons

Es gibt Filmaufnahmen und Fotos aus dem Inneren des Sarkophags und sogar aus dem Reaktor, was eigentlich unvorstellbar ist. Zu hoch sollte dort die Strahlung sein – gerade deshalb wirken diese Aufnahmen so unheimlich. Sie zeigen eine verbotene Zone, die kein Mensch betreten soll. Und doch gibt es sie – es sind Aufnahmen von jenseits einer Grenze.

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Experten sehen sich Filmaufnahmen aus dem Inneren des Reaktors an. Quelle: Screenshot youtube.com

Reiseziel Prypjat

Verbotenes hat immer einen besonderes Reiz. Wann die ersten Bilder aus der Sperrzone, die nicht von den Behörden freigegeben wurden, aufgetaucht sind, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehen. Heute ist es kein Problem, aktuelle Bilder aus Prypjat und Umgebung im Netz zu finden, die Sperrzone hat sich seit einigen Jahren zum Reiseziel entwickelt. Wir haben hier ein paar Bildergalerien verlinkt:

Es gibt mehrere lokale Reiseunternehmen, die sich auf Ausflüge in die Sperrzone spezialisiert haben. Meist werden von Kiew aus Tagesausflüge angeboten. Die Anbieter organisieren auch die notwendigen Bewilligungen für das Betreten der Sperrzone. Empfohlen wird, sich nicht mehr als ein paar Stunden dort aufzuhalten. Touren werden hauptsächlich in Englisch angeboten.

Seit einiger Zeit kann man einen Teil der Sperrzone auch via Google Streetview erkunden, was ganz klar weniger gefährlich ist, als selber dorthin zu reisen. Prypjat ist recht gut abdeckt, die Strassen unmittelbar um das Kraftwerk herum weniger.

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Screenshot Google Street View

Wer mehr Immersion will und dem Reiz des Untergegangenen erlegen ist, wird vielleicht auch an einer Virtual Reality-Tour seine Freude haben. Der polnische Gamehersteller Reality 51 hat seine Technologie dazu genutzt, die Stadt virtuell nachzubauen. Im Sommer soll das Chernobyl VR Project für Oculus Rift, PlayStation VR und HTC Vive erhältlich sein. Hier ist der aktuelle Trailer dazu:

Auch auf uns übt dieser Ort eine morbide Faszination aus, das wollen wir hier überhaupt nicht verheimlichen. Rational lässt sich das kaum erklären – die Gegend wirkt weder besonders einladend noch romantisch. Förderlich für die Gesundheit ist eine Reise dort sicher auch nicht. Neben der Geschichte des Orts spielt die Atmosphäre von kaputten und verlassenen Gebäuden eine grosse Rolle.

Wie sich der Tourismus nach Prypjat weiterentwickeln wird, ist schwer zu sagen. Adrenalin-Junkies haben die Stadt aber auch schon für sich als Abenteuerspielplatz entdeckt. Für die Trendsportart „abseiling“, also das Herunterklettern an Wänden und Gebäuden, bietet die verlassene Stadt einiges an Herausforderungen, die erst von wenigen Leuten gemeistert wurden. Hier ein Beispiel:

Das Hochklettern an einer Konstruktion, die jederzeit auseinander brechen kann, kann man nur als leichtsinnige Dummheit bezeichnen. Ein verstrahltes Riesenrad ist keine Kletterwand. Das Beispiel zeigt aber gut wie in der Region um Tschernobyl eine Kommerzialisierung eingesetzt hat. Die Sperrzone ist etwas, dass sich unterdessen auch für den Normal-Bürger als Abenteuer-Trip vermarkten lässt – T-Shirt, Baseball-Mützen und im Dunkeln leuchtende Tassen inklusive.

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Touristen in Prypjat. Quelle: chernobyl-tour.com

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Gruppenfoto mit Sarkophag im Hintergrund. Quelle: chernobyl-tour.com

Abschliessende Überlegungen

Gäbe es die Sowjetunion heute noch, wäre wohl kaum ein Tourismus in die Region entstanden. Es wäre schlicht undenkbar, dass Zivilpersonen die Zone betreten könnten und eine derartige Bilderflut im Internet zu finden wäre. Die Kommerzialisierung birgt aber auch das Risiko, dass die Sperrzone überrannt wird und alles zertrampelt wird – Gebäude und Infrastruktur, aber auch die Erinnerungen der Menschen die dort gelebt haben.

Bei aller morbiden Faszination die von diesem Ort ausgeht, ist er auch Sinnbild dafür, dass sich nicht jede Technologie beherrschen lässt – aber auch die Titanic galt als unsinkbar, bis sie auf ihrer Jungfernfahrt über 1500 Menschen mit in den Tod riss.

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abandoned Hospital by Gerry Langer on 500px.com

Cultured by Iain Bolton on 500px.com


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