Autor: Archangel

Hätten wir selber Superkräfte, wären uns die letzten Tage leichter gefallen… wir haben uns tapfer auf Netflix durch alle dreizehn Episoden von „Iron Fist“ durchgekämpft. Wer also die Serie noch nicht fertig gesehen hat, sollte hier beim Weiterlesen auf mögliche Spoiler gefasst sein.


Quelle: imdb.com

„Iron Fist“ ist Teil eines Projekts von Marvel und Netflix, das man nur als sehr ambitioniert bezeichnen kann. Vor ziemlich genau zwei Jahren startete mit „Daredevil“ die erste Superheldenserie aus dem Marvel-Universum auf Netflix. Später folgten mit „Jessica Jones“ und „Luke Cage“ zwei weitere Serien, die dann zusammen mit „Iron Fist“ und „Daredevil“ diesen Herbst in die gemeinsame Serie „The Defenders“ münden sollen. Aber wenn „Iron Fist“ als zuletzt ausgestrahlte Serie wirklich die Massstäbe für „The Defenders“ gesetzt haben sollte, muss man sich auf das Schlimmste gefasst machen. Wo ist nur Agent Coulson, wenn man ihn wirklich braucht?

Aber nun mal schön der Reihe nach, verdauen wir erstmal „Iron Fist“. Wie bei den anderen Serien auch, kennen wir die Comicvorlage nicht. Deshalb nehmen wir die Serie so wie sie ist und können nicht beurteilen, ob sie die Comics gut oder schlecht umsetzt. Gesehen haben wir die Serie auf Englisch, nachdem wir die anderen Serien in der deutschen Synchronfassungen gesehen hatten.

„Iron Fist“ ist die Geschichte von Danny Rand, der 15 Jahre nach einem Flugzeugabsturz im Himalaya wieder in seine Heimatstadt New York zurückkehrt. Oder vielmehr es sollte seine Geschichte sein, denn oft ist Danny Rand nur Nebendarsteller in seiner eigenen Serie. Viel Zeit wird auf die Einführung der Meachum-Familie verwendet. Ward und Joy Meachum, ehemalige Spielkameraden von Danny, leiten den Familienkonzern Rand, während der angeblich tote Vater Harold Meachum den Lauf der Dinge aus seinem finsteren Penthouse eines New Yorker Wolkenkratzers lenkt. Wie vieles andere auch in „Iron Fist“ ist dieses Setting weder originell noch versuchten die Produzenten es mit ein paar unvorhersehbaren Entwicklungen zu garnieren. Nein, der gesamte Plot um die Meachum-Familie ist vorhersehbar – der Vater ist einer der Bösewichter der ersten Season.


Harold Meachum. Quelle: imdb.com

Und in diese Figur hat man wirklich alles hineingepackt, was die Standard-Mottenkiste so hergibt: Vorgetäuschter Tod, Leben im Verborgenen mit nur wenigen Mitwissern, ein Deal mit einer übermächtigen Organisation von Bösewichtern und im Glauben alles würde sich wieder zum Guten wenden, zerstört er sein Leben und das seiner Kinder. Am Schluss stirbt er, aber ob er wirklich tot ist, wird man wohl erst in einer zweiten Season definitiv wissen. Ach ja, ewiges Leben gehört auch noch zu seinem Repertoire.

Die Geschichte von Danny Rand bleibt im Vergleich dazu blass. Und das ist für die Macher der Serie ein unverzeihlicher Fehler, denn diese dreizehn Episoden sollten SEINE Figur einführen. Sie sollten erzählen, wie er zu dem Mann wurde, der er jetzt ist und was er die vergangenen 15 Jahre erlebt hat. Doch ausser ein paar Hinweisen bekommt man nichts – und schon gar nichts zu sehen. Er wurde nach dem Flugzeugabsturz, bei dem seine Eltern ums Leben kamen, von Mönchen gerettet und in einem Kloster zum Kämpfer „Iron Fist“ ausgebildet. Seine Aufgabe, so erfährt man im Laufe der Serie, wäre es das Kloster gegen Feinde, vor allem gegen eine Organisation namens „The Hand“ zu verteidigen. Doch Danny scheint sich lieber in New York um seine eigene Familiengeschichte zu kümmern.


Ward, Danny, Joy. Quelle: imdb.com

Wenn die erste Season der Serie eine so genannte „Origin Story“ sein sollte, fällt sie diesbezüglich komplett durch. Ausser einer Szene im Innenraum des Klosters, der nebenbei auch ziemlich an einen Raum in einem beliebigen Lagerhaus erinnert, und ein paar verschneiten Kunstfelsen bekommt man rein gar nichts zu sehen. Wie war das Leben im Kloster? Wie verlief seine Ausbildung? „Iron Fist“ mutiert hier zum Hörspiel: Danny erzählt von Erlebnissen, er tauscht Erinnerungen mit seinem besten Freund Davos aus und andere Charaktere müssen ihm sogar erklären, was er als „Iron Fist“ alles für Fähigkeiten hat. Genau wie Danny die Stätte seiner Ausbildung zu früh verlassen zu haben scheint, hat man sich bei den Drehbüchern auch mit der ersten Fassung zufrieden gegeben. Die Serie bleibt ihr weit hinter ihrem Potential zurück.

Und das ist zusammenfassend gesagt, die Wurzel allen Übels in „Iron Fist“. Wo die anderen Marvel-Serien noch mit einem gut aufgebauten Plot und ein paar überraschenden Wendungen aufwarteten, scheinen die Drehbücher von einer Software geschrieben worden zu sein, welche Standard-Charaktere und generische Storyelemente zusammenfügt. Zugegeben, auch „Jessica Jones“ und „Luke Cage“ blieben hinter „Daredevil“ zurück, aber mit „Iron Fist“ wurde ein neuer Tiefpunkt erreicht. Da braucht man schon starkes Sitzfleisch, um alle Story-Lücken und Klischees zu überstehen: Wieso besprechen Danny und Harold ihre Pläne ganz offen, obwohl man weiss, dass Bukuto sie abhören kann? Wie schnell lassen sich Löcher in einer Zimmerdecke reparieren? Kann der Vorstand eines Unternehmens einfach so die Geschäftsführer vor die Tür stellen und Mehrheitsaktionären ihre Rechte entziehen? Auch wenn es eine fiktive Geschichte um einen Superhelden und kein Dokumentarfilm ist, gibt es Grenzen von Plausibilität und was einfach zu konstruiert oder an den Haaren herbeigezogen wirkt. Diese werden bei „Iron Fist“ immer wieder überschritten und hemmungslos mit Klischees gepaart – wie etwa die psychiatrische Klinik, in der es üblich ist, Menschen gegen ihren Willen einzusperren.


Colleen und Danny. Quelle: imdb.com

Als Serie um einen Superhelden ist Kämpfen ein zentrales Element in „Iron Fist“. Die Kämpfe sind jedoch schlecht umgesetzt, schnelle Schnitte sollen verbergen, dass es meist an einer durchdachten Choreographie fehlt. Die Kämpfe wirken oft zu langgezogen. Als Superkraft kann Danny sein Chi in der Faust bündeln und damit sogar Mauern durchbrechen. Doch ähnlich wie der Transporter in „Star Trek“ in den 1960er Jahren versagt genau diese Fähigkeit meist dann, wenn er sie am meisten brauchen würde. Erst als seine grosse Liebe in Gefahr sieht, kann er seine Blockade überwinden und wieder mit der glühenden Faust zuschlagen – womit wir wieder beim Thema Klischee und vorhersehbare Handlung wären.


Quelle: imdb.com

Visuell umgesetzt ist seine eiserne Faust mit einem gelben Glühen oder Leuchten seiner rechten Hand. Im Comic auf Papier mag das vielleicht funktionieren, vor der Kamera sieht das in erster Linie merkwürdig aus.

Auch bezüglich Ausstattung kann „Iron Fist“ nicht glänzen. Immerhin muss man den Produzenten zu Gute halten, dass in New York und nicht in Vancouver oder Toronto gedreht wird. Natürlich wurden auch die Szenen, die in China spielen, in New York gedreht, aber etwas mehr als nur ein paar Lastwagen und Schilder mit chinesischen Schriftzeichen hinzustellen, hätten die Produzenten schon dürfen. Die verschneiten Himalaya-Felsen sind billigste Pappkulissen, das können viele andere Produktionen heute besser. Vielleicht wurde ja ein Grossteil des Budgets für das Filmen in HDR verbraucht, so dass bei der Ausstattung gespart werden musste. Dasselbe gilt auch für die Musik, die ohne eigenen Stil im Hintergrund als Sound-Teppich dahinwabert.

Kommen wir noch zu den Schauspielern. Die Drehbücher verlangen nicht allzu viel von ihnen ab, wirkliche dramaturgische Höhepunkte als Schlüsselszenen für einzelne Charaktere sucht man in „Iron Fist“ leider vergeblich. Damit gibt es kaum Szenen, die denen die Darsteller mal glänzen könnten. Auch Charaktere, die für das Publikum ein Sympathieträger sein könnten, fehlen völlig. Tom Pelphrey als Ward Meachum holt darstellerisch vor allem gegen Ende der Staffel noch das Möglichste für seine Figur heraus. Alle anderen bleiben irgendwo auf der Strecke – vor allem auch Finn Jones als Danny Rand bzw. Iron Fist. Er spielt oberflächlich und damit eigentlich genau so, wie die ganze Story angelegt ist. David Wenham als Harold Meachum ist hingegen eine Fehlbesetzung, zu klischeehaft ist seine Darstellung, wobei auch hier sicher einiges schon bei den Drehbüchern falsch gelaufen ist.

Zu den Highlights gehört hingegen Ramon Rodriguez als Bakuto. Seine Figur taucht erst in der siebten Episode auf und versprüht dort schon in der kurzen Szene mit Colleen mehr Präsenz, als andere in der ganzen Staffel. Als Zuschauer nimmt man ihm den Kämpfer ab, er verfügt über eine Aura wie kein anderer Darsteller in der Serie. Einzig Wai Ching Ho, die ihre Rolle als Madame Gao aus Daredevil wiederaufnimmt, kann ihm das Wasser reichen. Ihre Figur bleibt jedoch auch in dieser Serie mehr als nur mysteriös. Klar ist jedoch, dass sie über Fähigkeiten verfügt, die über das Menschliche hinausgehen. So kann sie Danny quer durch den Raum schleudern ohne ihn zu berühren oder sie gibt Hinweise, die auf ein Leben hindeuten, dass sich schon über mehrere Jahrhunderte hinzieht.


Madame Gao. Quelle: imdb.com

Madame Gao ist nicht das einige verbindende Element zu den anderen Marvel-Serien, die dann als „The Defenders“ gemeinsam ihren Auftritt haben. Rosario Dawson als Claire Temple trifft man wieder als Krankenschwester, welche die Wunden zusammenflicken darf. Sie spielt die Rolle jedoch sehr anders, als in „Luke Cage“, was irritierend ist, wenn man alle Serien gesehen hat. Daneben gibt es weitere Auftritte von anderen Charakteren und auch im Dialog sind Referenzen eingestreut. Wie jetzt allerdings die Geschichte aussehen wird, welche die Hauptfiguren aus allen vier Serien zusammenbringt, ist auch am Ende der ersten Season von „Iron Fist“ unklar. Da die Dreharbeiten für die „The Defenders“ bereits abgeschlossen sind, werden die Produzenten auch leider kein Zuschauerfeedback aus „Iron Fist“ für die Serie berücksichtigen können.

Mit dem Schlussbild der ersten Staffel von „Iron Fist“ bleibt man Zuschauer ratlos zurück. Wirklich viel erfahren hat man über diesen Danny Rand kaum etwas, das könnte sich vor allem in „The Defenders“ rächen. Die ganze Serie bleibt weit hinter den Erwartungen und ihrem Potential zurück – wobei schon einige dramaturgische Superkräfte notwendig gewesen wären, um „Iron Fist“ aus den Niederungen des Standard-Plots und der Standard-Charaktere zu befreien.


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