Autor: Archangel

Klar, vieles läuft schief auf der Welt und in unserer Gesellschaft. Jeder von uns hat dafür sein eigenes Empfinden – es kommt halt immer drauf an, welche Themen einem persönlich wichtig sind und welche weniger.

Doch offensichtlich werden gewisse Mitmenschen immer dünnhäutiger. Es gibt bald kaum ein Thema oder Ereignis mehr, von dem sich nicht irgendjemand zu tiefst berührt oder betroffen fühlt. Doch dabei bleibt es immer seltener – man fühlt sich „verletzt“ und gibt sich empört. Da diese Sorte Mitmenschen dann auch oft mit einer grossen Portion Mitteilungsbedürfnis gesegnet ist, äussern sie ihre Empörung online auf Facebook oder schicken Fotos und Videos an die Redaktionen von Boulevard-Medien. Diese nehmen den Input ihrer „Leserreporter“ natürlich gerne auf – und schon ist die Plattform geschaffen, wo sich Gleichgesinnte finden und alle sich gemeinsam empören können.

Evolutionsbiologen mögen zu einem späteren Zeitpunkt beurteilen, ob es sich bei diesen Mitmenschen um eine Untergruppe der bereits etablierten „Wutbürger“ handelt oder um eine eigenständige Entwicklung. Klar dürfte jetzt schon sein, dass sich Wutbürger, die Hass-Kommentatoren und neu die Dauer-Empörten sich um das Territorium im Internet streiten werden.

Themen für die Empörten gibt es viele. Sie reichen von Flüchtlingen, Migration, Food Waste, Klimawandel, Fleisch essen oder – um es so unverfänglich wie möglich zu sagen – sämtliche Formen der Interaktion zwischen Männern und Frauen. Was die Empörten immer wieder schaffen ist es, beinahe jedes beliebige Thema durch eine bestimmte Brille zu sehen oder einfach ihrem Empfinden nach zurecht zu biegen – so wird vieles auf Sexismus oder Rassismus reduziert, Fakten und Umstände bleiben dann auf der Strecke.


Quelle: Screenshot blick.ch

Und dabei muss nicht einmal immer etwas Handfestes passieren, es reicht schon, wenn gewisse Themen angesprochen werden oder wie Werke aus Kunst und Literatur oder historische Ereignisse interpretiert werden. So kann aus dem Korrigieren von Schreibfehlern in einem Aufsatz der Vorwurf des Rassismus werden und schon stehen die Aktivisten auf der Strasse. Das ist die hohe Kunst, Banalitäten durch eine bestimmte Brille zu sehen und aufzubauschen.


Quelle: Shutterstock

Aus den USA kommt für die Hyper-Sensiblen der Begriff „Snowflake“. Bis vor kurzem kannte diesen gar nicht, finde ihn aber sehr passend. Snowflakes sind schnell empört, weil sie sich sehr verletzlich geben. Bei ihnen reicht schon eine „Mikroaggression“, um sie in Aufruhr zu versetzen. Von ihrem Umfeld erwarten sie Warnhinweise – so genannte „Trigger Warnings“ – wenn dieses bestimmte Themen ansprechen will.


Quelle: Shutterstock

Diese Entwicklung halte ich für sehr bedenklich, weil sie verunmöglich sachliche Diskussionen. Manchmal muss man die Dinge halt beim Namen nennen. Wenn sich jedes Mal jemand als „verletzt“ artikuliert und das Gegenüber nicht mehr Diskussionspartner, sondern als Aggressor wahrnimmt, wie will man dann noch miteinander sprechen? Überall Warnhinweise auszusprechen kommt einem vorauseilenden Gehorsam und Unterwürfigkeit gleich, was genauso schlimm ist.

Es ist aber auch eine Krankheit unserer Zeit, jeden Mist gleich ins Netz zu stellen, auch wenn es nur ein paar Bananen beim Lebensmittelhändler sind. Die Empörten sammeln sich darum herum, wie die Motten um das Licht. Ihre Empörung ist oft scheinheilig, denn auch ihr eigenes Leben ist nicht perfekt, sie erwarten aber von Anderen, dass es so ist. Wahrheiten und Realitäten ertragen „Snowflakes“ nur schwer. Das gute an Schneeflocken ist, dass sie unter Wärme schnell schmelzen können, zu Wasser werden und davon fliessen.

Fehlt jetzt nur noch, dass einer sagt, mein letzter Satz wäre menschenverachtend gewesen, schliesslich geht es bei „Snowflakes“ um Menschen.


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