Autor: Archangel

Ein aktuelles Ärgernis in der Schweiz ist die präventive Verteilung von Jodtabletten an die Bevölkerung im Umkreis der Schweizer Kernkraftwerke. Über Sinn und Unsinn dieser eidgenössischen Aktion mag man geteilter Meinung sein. Von Seiten des Bundes ist die „Geschäftsstelle Kaliumiodid-Versorgung“ verantwortlich. Im Oktober startete die ganze Geschichte mit einem Info-Flyer in die Briefkästen aller Haushalte.

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Offizieller Brief der Geschäftsstelle Kaliumiodid-Versorgung

Was dann folgte, war ein Lehrstück, wie leicht sich derartige Kampagnen durch Dritte missbrauchen lassen und dass die Hemmschwelle auf deren Seite auch nicht besonders hoch liegt. Greenpeace verschickte ein paar Wochen später kurzerhand ebenfalls ein Schreiben an alle Haushalte und gab sich als die offizielle Geschäftsstelle aus. Der Brief enthielt keinen Hinweis darauf, dass es um eine Aktion von Greenpeace handelte.

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Die Täuschung von Greenpeace

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Die Täuschung von Greenpeace mit falschem Absender

Wie viele Leute sich davon täuschen liessen, lässt sich nicht genau nachvollziehen. Erst einige Stunden später – also als die meisten Greenpeace-Flyer schon verteilt waren – tauchen erste Medienberichte auf, der vermeintliche zweite Behördenbrief sei Teil einer Anti-AKW-Kampagne von Greenpeace. Die „richtige“ Geschäftsstelle Kaliumiodid-Versorgung distanzierte sich in aller Form von dieser Aktion und behielt sich rechtliche Schritte vor, wie sie unter anderem auf ihrer Webseite verlauten liess.

So, nach dieser kurz zusammengefassten Erklärung der Geschichte, sind wir schon beim Kern des Problems: Darf man sich ungestraft als offizielle Amtsstelle des Bundes ausgeben? Wo sind die Grenzen zwischen Information und Verunsicherung der Bevölkerung? – Greenpeace-Aktionen sind immer wieder umstritten, Provokation ist für Greenpeace Teil des Geschäfts bei der Beschaffung von Spendengeldern. Wenn Andere dabei zu Schaden kommen, wird das meist heruntergespielt – schliesslich geht es um eine „gute Sache“.

Für mich hat die Greenpeace-Aktion grosse Ähnlichkeiten mit einer Phishing-Attacke. Da geben Kriminelle vor, ein renommierter Absender wie eine Bank, PayPal oder Apple zu sein und fordern mich auf, Login-Daten einzugeben. Genauso hat Greenpeace sich auch als falscher Absender ausgegeben und Leute getäuscht und verunsichert. Die Basler Zeitung liess am Montag Kommunikationsexperten zu Worte kommen, diese beurteilen das Vorgehen von Greenpeace als „geschickt“. Greenpeace könne die erzeugte Verunsicherung nun nutzen, die Debatte zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Das betreffe auch mögliche Klagen gegen Greenpeace. Wer davon wirklich profitieren kann, ist für mich nicht ganz klar. Es kommt auch drauf an, ob über die Sachfragen oder über das Verhalten von Greenpeace selber mehr gesprochen wird.

Aus Kommunikationssicht kann ich ein Vorgehen wie Greenpeace es einmal mehr gezeigt hat, nicht gutheissen. Aber ein Blick in die Medien von heute zeigt auch, dass beim Thema AKW die Jodtabletten wohl nur eine Randnotiz sind. Die bevorstehende Abschaltung der Kernkraftwerke in der Schweiz wird zu einer Zunahme von aus Kohle produziertem Strom führen. Die Energiewende hatte uns Greenpeace doch anders verkauft, oder nicht? – Aber dafür wird sich sicher irgendwo ein öffentlichkeitswirksamer Ort für Transparent finden… und die Jobtabletten wären dann, wo sie hingehören.


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