In diesem Beitrag wollen wir an unseren virtuellen Besuch in Prypjat, der verlassenen Stadt in der Nähe von Tschernobyl, anknüpfen und uns mit der Lust am eigenen Untergang beschäftigen. Unabhängig davon ob durch Atom-Kriege, Killerviren oder Klimaveränderungen ausgelöst, haben Apokalypsen, Katastrophen und Endzeit-Welten einen festen Platz in der Pop-Kultur von Literatur über Kino und Fernsehen bis hin zu Computerspielen.

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Post-apokalyptische Welten

Das ist auch kein Wunder, denn die Darstellung von Katastrophen ist auch immer eine Verarbeitung von Ängsten vor den Auswirkungen moderner Technologien. Bei unserem Thema Kerntechnologie geht es um ein generelles Misstrauen vieler Menschen gegenüber der Technik, aber auch gegenüber den Betreibern von Anlagen und den politisch Verantwortlichen.

Post-apokalyptische Welten sind die Bühne für vielfältige menschliche Dramen. Sie zeigen ein pessimistisches Bild der Zukunft der Menschheit. Dieses Motiv findet man in Romanen, TV-Serien und Kinofilmen sowie in Computerspielen. Zu den ersten Werken der Literatur, welche den Glauben an den ungebremsten Fortschritt kritisch anprangerten, war der Roman „Frankenstein“ von Mary Shelley, der 1818 zum ersten Mal veröffentlicht wurde. In der bekannten Geschichte wird ein aus Leichenteilen zusammengesetzter Mensch künstlich zum Leben erweckt.

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Der Begriff „Post-Apokalypse“ steht für die Zeit nach einem grossen Ereignis, das grosse Teile der Menschheit und der Zivilisation vernichtet hat. Die alten Gesellschaftsordnungen sind zusammengebrochen und es gilt ausschliesslich das Recht des Stärkeren. Als Ursache kommen etwa globale Naturkatastrophen oder die Unterjochung durch Ausserirdische in Frage. Aber der Mensch kann auch selber für seinen Untergang verantwortlich sein: Fehlgeschlagenen Experimente mit biologischen Waffen oder ein Atom-Krieg.

In der Literazur gehören Bücher wie „The Postman“ aus dem Jahr 1985 vom US-amerikanischen Science Fiction Autor David Brin oder „Metro 2033“ des Russen Dmitri Gluchowski zu den bekanntesten Werken. „The Postman“ (imdb.com) wurde später mit Kevin Costner verfilmt. „Metro 2033“ diente dem ukrainischen Spieleentwickler 4A Games als Vorlage für das gleichnamige Spiel. Auch die Game-Reihe „Fallout“ präsentiert uns eine düstere Zukunftsvision der Erde. Ein Grossteil der Erdoberfläche wurde durch einen Atomkrieg im Jahre 2077 zwischen den USA und China zerstört.

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Der Kinofilm „Book of Eli“ (2010, imdb.com). hat sich visuell von „Fallout“ inspirieren lassen. Der Film spielt ebenfalls in einer Welt, die von einem Atomkrieg verwüstet wurde. Schaut man sich eine Liste der Kinofilme und TV-Serien an, in denen Atomwaffen die Erde verwüstet haben, wird diese sehr schnell sehr lang: „Planet of the Apes“ (1968, imdb.com), „Mad Max“ (1979, imdb.com), „Terminator“ (1984, imdb.com)  und die Fernsehserien „The 100“ (2014-, imdb.com) und „Jericho“ (2006-2008, imdb.com) um nur ein paar zu nennen. Aus allen der hier genannten Kinofilmen entwickelten sich in den Jahren danach populäre Franchise-Serien.

Historische Angst vor der Atombombe

Mit der Entwicklung der Kerntechnologie und der Atombombe bekam der Mensch die Fähigkeit in Hand, Katastrophen von globalem Ausmass anzurichten. Die Angst vor der Kernenergie und in der Zeit der 1950er Jahre auch vor der Atombombe zu verarbeiten, hat im Kino eine lange Tradition. In „Them!“ (imdb.com) aus dem Jahre 1954 werden Ameisen auf einem Atomtestgelände verstrahlt und mutieren zu mehreren Metern grossen Monstern. Im Showdown kann die US-Nationalgarde das letzte Ameisennest in der Kanalisation von Los Angeles mit Bomben zerstören. Die Ameisen standen aber nicht nur sinnbildlich für die unabsehbaren Folgen der Nutzung der Kernenergie, sondern auch für die Angst vor der „Roten Gefahr“, der Angst der Unterwanderung der amerikanischen Gesellschaft durch die Kommunisten.

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Szene aus Them!, zu Deutsch „Formicula“. Quelle: Wikimedia Commons

Die cineastisch grösste Verarbeitung der Angst vor der Atombombe stammt aus Japan – dem einzigen Land, das den kriegerischen Einsatz von Atomwaffen gegen die Zivilbevölkerung erlebt hat. Das Monster Godzilla wurde auf dem Meeresgrund durch Atomtests aufgeweckt und zerstörte in der Folge die Stadt Tokyo. Der erste Godzilla-Film (imdb.com) kam ebenfalls 1954 in die Kinos und verarbeitete das Trauma von Hiroshima und Nagasaki sowie den Unfall mit einem japanischen Fischerboot, dessen Besatzung durch einen amerikanischen Atomtest auf dem Bikini-Atoll am 1. März 1954 mit einer tödlichen Dosis verstrahlt wurde.

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Godzilla verwüstet Tokio. Quelle: imdb.com

Kernkraftwerke als Kulisse

Was man jedoch so gut wie nie in einem Film oder einer TV-Serie sieht, sind die unmittelbaren Folgen eines Super-GAU in einem Kernkraftwerk oder einer anderen Nuklearanlage. Inspiration aus der Wirklichkeit gäbe es genug, dazu muss man sich nur die Liste von Unfällen in kerntechnischen Anlagen (Wikipedia) anschauen. Allenfalls müssen drohende terroristische Angriffe auf ein Kraftwerk als Bedrohungslage herhalten, dabei wäre es doch mal spannend, wenn technisches Versagen eine Katastrophe auslösen würde. Was uns auch zur Frage führt, was den im Falle einer Zombie-Apokalypse wie bei „The Walking Dead“ (imdb.com) mit den laufenden Kraftwerken geschehen würde. Eigentlich müssten diese ausser Kontrolle geraten und grosse Gebiete verstrahlen, was bisher jedoch in der Serie nicht thematisiert wurde.

Tschernobyl als Kulisse

Die Katastrophe von Tschernobyl ist in den letzten Jahr ganz direkt in Computerspielen und Kino-Filmen aufgegriffen worden: Im Spiel „ S.T.A.L.K.E.R.: Shadow of Chernobyl“ kommt es zu einem zweiten nuklearen Ereignis in der Sperrzone, durch das verschiedene Anomalien entstehen.

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Quelle: cop.stalker-game.com

Der Horror-Film Chernobyl Diaries (2012, imdb.com) spielt zum grössten Teil in der Sperrzone. In Universal Soldier: Regeneration (2009, imdb.com) drohen Terroristen damit, aus den Ruinen des KKW erneut Radioaktivität frei zu setzen. In A Good Day to Die Hard (2013, imdb.com) muss John McClane den Diebstahl von waffenfähigem Uran aus einem in Tschernobyl versteckten Lager verhindern. Und auch die Transformers haben ihren Weg nach Tschernobyl schon gemacht: In Transformers: Dark of the Moon (2011, imdb.com) wird auf dem Gelände des Kraftwerks eine ausserirdische Brennstoffzelle entdeckt, welche ursprünglich für die Katastrophe verantwortlich war.

The China Syndrom

Zur einer schon fast beängstigenden Verquickung von Fiktion und Realität kam es beim Kinofilm The China Syndrom (imdb.com)  aus dem Jahr 1979. Hier geht es um einen schweren Zwischenfall in einem fiktiven amerikanischen Kernkraftwerk, der jedoch vom Betreiber vertuscht wird, weil er Betriebsbewilligungen für neue Anlagen braucht. Der Film kam am 16. März 1979 in die Kinos und wurde von der Industrie als böswillige Fiktion abgekanzelt. Nur zwölf Tage später ereignete sich in Three Mile Island (Wikipedia) ein Unfall mit einer Reaktorkern-Schmelze. Es war der bisher grösste Unfall in einem amerikanischen Kernkraftwerk. Das Filmstudio zog den Film teilweise aus Kinos zurück, um nicht den Anschein zu erwecken, vom Unfall profitieren zu wollen.

Zu Austritt von radioaktivem Material kommt es im Film nicht, er zeigt jedoch wie ein skrupelloser und profitgieriger Umgang mit Kerntechnologie zu einer Katastrophe führen kann und das Betreiber und Politik nicht gewillt sind, die Bevölkerung ehrlich zu informieren.

Airwolf – Stavograd: Part 1 / Part 2

Fast schon beängstigende Parallelen zum Tschernobyl-GAU servierte die TV-Serie „Airwolf“ (imdb.com) im März 1991 ihren Zuschauern. In der Doppelepisode „Stavograd Part 1 & Part 2“ kommt es in einem geheimen und mit experimenteller Technologie ausgestatteten Kernkraftwerk zum Austritt grosser Mengen Radioaktivität. Die Handlung und die Darstellung gewisser Szenen erinnert einfach sehr stark an die Ereignisse in Tschernobyl, wie man sie Jahre danach in Dokumentationen zu sehen bekam: ein Reaktor der ausser Kontrolle gerät, Gerangel um Kompetenzen und das weitere Vorgehen im Kommandoraum, Menschen auf dem Dach, die versuchen das Schlimmste zu verhindern und Blicke aus einem Hubschrauber hinunter in den offenen Reaktor. Auch wenn die Umsetzung aus heutiger Sicht hölzern wirkt, kommt trotzdem eine etwas beklemmende Stimmung auf. Und man sollte nicht vergessen, die Episoden wurden 1991 mit einem geringen Budget produziert, also zu einer Zeit als man noch nicht so viel über die genauen Ereignisse in Tschernobyl wusste wie heute.

Aber man muss den Machern von „Airwolf“ hoch anrechnen, dass sie sich im Fernsehen so offen und direkt dem Thema angenommen haben. Uns ist keine TV-Produktion bekannt, welche dies im ähnlichen Umfang getan hat.

Star Trek: The Undiscovered Country

In einen viel grösseren politischen Kontext wurde die Katastrophe von Tschernobyl von den Machern von Star Trek VI: The Undiscovered Country (imdb.com) gestellt. Der Film kam 1991 in die Kinos, die Handlung lehnte sich an das Ende des Kalten Krieges zwischen Ost und West an. Auslöser der Annäherung im Weltraum zwischen der Föderation und dem Imperium der Klingonen war eine gewaltige Explosion auf dem Mond „Praxis“, der den Heimatplanten der Klingonen mit Energie versorgte. Damit begann eine Annäherung zwischen den beiden Machtblöcken, die im Film wie in der Realität nicht nur auf Zustimmung auf beiden Seiten stiess.

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Zwei Krieger alter Schule: General Chang und Captain Kirk. Quelle: imdb.com

Angst vor der Atombombe

Atombomben, unabhängig davon ob sie nun explodieren oder es in letzter Sekunde verhindert werden kann, sind ein gängiges Motiv man in der Unterhaltung. Zu den bekanntesten Verarbeitungen des Themas im Kino gehört die Godzilla-Filmreihe aus Japan, die wir schon erwähnt hatten. Der Science Fiction-Autor Robert A. Heinlein veröffentlichte 1941 die Kurzgeschichte „Solution Unsatisfactory“, in der die USA eine Waffe mit radioaktivem Staub entwickeln, um den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Wer sich ein umfassendes Bild machen will, findet mit der Zusammenstellung Nuclear weapons in popular culture (Wikipedia) einen guten Ausgangspunkt für eigene Recherchen.

Viele Filme, in denen Atombomben eine Rolle spielen, gehen jedoch nicht ernsthaft ans Thema heran. Dazu fallen uns noch Titel wie Stargate (1994, imdb.com) oder The Avengers (2012, imdb.com) ein. Für diesen Beitrag haben wir Filme wie The China Syndrom, Star Trek: The Undiscovered Country, When the wind blows und The Day After sowie die Airwolf-Epsioden extra nochmal geschaut.

Die letzten Kinder von Schewenborn

Das Thema Atombombe ist aber keineswegs nur auf Erwachsene beschränkt. Das Jugendbuch „Die letzten Kinder von Schewenborn“ schildert leicht verständlich und sehr eindrücklich einen Atombombenangriff auf Deutschland. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines 12jährigen Jungen, der mit seiner Familie in einem kleinen Dorf ein völlig neues Leben aufbauen muss. Und es werden viele harte Themen angeschnitten wie etwa Strahlenkrankheit, Massenflucht und Neugeborene mit Missbildungen. Der Junge baut mit seinem Vater eine Schule in dem Dorf auf und gibt damit der Geschichte am Schluss wenigstens einen kleinen Hoffnungsschimmer für die Zukunft.

Verharmlosung und Trivialisierung

Was man im Kino oder Fernsehen so gut wie nie sieht, sind die unmittelbaren Folgen einer Atombombenexplosion. Atomwaffen werden zwar immer wieder als Drohkulisse eingesetzt, aber die unmittelbaren Folgen einer Explosion in einem bewohnten Gebiet werden so gut wie nie thematisiert, geschweige denn gezeigt. So explodiert zum Beispiel in der sechsten Staffel von 24 (imdb.com) eine Atombombe im San Fernando Valley im Grossraum Los Angeles. In eingespielten Fernsehnachrichten bekommt man ein paar Bilder der Zerstörung zu sehen. Menschliches Leid – wie etwa die Folgen der Verstrahlung bei Überlebenden – werden nicht gezeigt und auch nicht weiter thematisiert. Dasselbe gilt für die Serie Arrow (imdb.com), wo am Ende der vierten Staffel eine Atombombe in einer Kleinstadt explodiert. Mehr als die Zahl der unmittelbaren Todesopfer wird nicht genannt.

Die verharmlosende Darstellung der Folgen einer Explosion in bewohntem Gebiet wird der Realität nicht gerecht. Das öffentliche Leben würde entweder ausgelöscht oder komplett auf den Kopf gestellt. Das führt aber auch dazu, dass man als Zuschauer die Bedrohung einer möglichen Explosion nicht mehr als so dramatisch empfindet. Das ist natürlich eine perverse Verdrehung der Realität.

Gerade die TV-Serien dieses Frühlings haben gezeigt, wie schon beinahe inflationär Atombomben als Drohkulisse herhalten müssen. Entweder wird die Explosion erfolgreich verhindert und die Rakete ins Meer gelenkt wie bei Supergirl (Episode „Solitude“ S01E15, imdb.com) oder es passiert wie bei Arrow (Episode „Monument Point“ S04E11, imdb.com) so weit weg vom Ort der Handlung, so dass es keinen Einfluss auf die Hauptcharaktere der Serie hat. Damit wird dem Zuschauer suggeriert, es sei gar nicht so schlimm. Die fiktive Story verliert damit Dramatik und Spannung und die Realität wird wie gesagt verharmlost.

Das erstaunt umso mehr, als dass aus Hollywood über die Jahre zahlreiche Filme gekommen sind, welche ein anderes amerikanisches Trauma aufgearbeitet haben: Über den Vietnam-Krieg gibt es glorifizierende Action-Abenteuer genauso wie Anti-Kriegsfilme, die unbequeme Fragen aufwerfen und zum Nachdenken anregen. Wir wollen im Folgenden etwas näher auf eine TV-Serie und zwei Filme eingehen, die bezüglich Darstellung und Verarbeitung sich aus der Masse abheben.

Jericho

Die Serie „Jericho“ (2006-2008, imdb.com) startete 2006 auf dem amerikanischen Network CBS mit einer aussergewöhnlichen Prämisse: über zwanzig Grossstädte in den USA wurden durch Atombomben ausradiert, die Bewohner des 5000 Seelen Städtchens Jericho in der Region von Denver müssen ihr Leben neu organisieren. Abgeschnitten von jeglicher Kommunikation zur Aussenwelt, ohne zu wissen, was passiert ist, und ohne weitere Unterstützung, sind alle Bewohner auf sich gestellt. So muss die Versorgung sowohl der Einwohner, als auch von Flüchtlingen gesichert werden. Wesentlich problematischer wird der Kampf gegen eine private Söldnerfirma und gegen eine Nachbarstadt.

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Explosion in der Ferne. Quelle: CBS

Im Laufe der Serie stellt sich heraus, dass eine amerikanische Terror-Gruppe unter der Führung von Agenten der Homeland Security für die Anschläge verantwortlich ist. Verschiedene Bundesstaaten schliessen sich zusammen und kämpfen um die Vorherrschaft, auch ein grosser Rüstungskonzern steckt tief mit drin. Leider wurde die Serie vorzeitig beendet, so dass die Autoren das spannende Szenario nie wirklich zu Ende bringen konnten.

When the wind blows

Der englische Zeichentrickfilm When the wind blows (imdb.com) aus dem Jahre 1986 basiert auf einem Comic und erzählt die Geschichte eines Atombombenangriffs auf England aus der Perspektive des älteren Ehepaars Jim und Hilda. Er zeigt die Absurdität der von der britischen Regierung vorgeschlagenen Schutzmassnahmen, welche die Bevölkerung zu Hause treffen sollten. Er lässt den Zuschauer mit einem sehr beklemmenden Gefühl zurück, denn er zeigt deutlich, wie sehr ein Atomangriff das Leben auf den Kopf stellt, falls man nicht sofort tot ist. Auch wenn es „nur“ ein Zeichentrickfilm ist, zeigt „When the wind blows“ sehr eindrücklich das Bemühen des Ehepaars um Normalität im Alltagsleben, wo es eigentlich gar keins mehr gibt. Dazu kommt das vergebliche Hoffen auf Hilfe von aussen. Jim setzt die Empfehlungen der Regierung, wie man sich vor Strahlung schützen soll zu Hause um, seine Frau will sich damit lieber nicht auseinander setzen.

Das Merkblatt „Protect and Survive“ erklärt zum Beispiel wie man einen so genannten „Fall out-room“ zu Hause einrichtet, in dem man sich vor der Strahlung schützen kann. Aus heutiger Sicht wirken diese Schutzmassnahmen jedoch mehr als nur absurd. So stellte sich die englische Regierung in den 1980er Jahren einen Schutzraum vor:

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Quelle: Woodrow Wilson International Center for Scholars

The Day After

Wie bei The Wind Blows, sind es auch im Fernsehfilm The Day After (imdb.com) globale politische Spannungen, die zu einem Atomkrieg führen. Die Handlung spielt in einem Vorort von Kansas City, wo sich eine Basis mit unterirdischen Langstreckenraketen befindet. Die Stadt selber wurde von zwei Bomben zerstört. Der Film zeigt den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung und die Folgen der Verstrahlung bei denen, welche die Explosion überlebt haben. The Day After erzählt die Geschichte ohne Romantisierung und Heldenpathos. Man sieht dem Film deutlich an, dass er mit einem sehr schmalen TV-Budget produziert wurde, aber das ändert nichts daran, dass auch er den Zuschauer desillusioniert zurück lässt. Die Sequenzen mit den Zerstörungen von Gebäuden und Wäldern wurden aus dem Dokumentarfilm „The first strike“ entnommen, der die möglichen Folgen eines atomaren Angriffs auf die USA beleuchtete.

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Quelle: Wikimedia Commons

Der Film wurde am 20. November 1983 zum ersten Mal auf ABC ausgestrahlt. Nach der Explosion der Bomben gab es keine Werbeunterbrechungen mehr. Anschliessend gab es eine Live-Diskussion, an der so bekannte Persönlichkeiten wie der Wissenschaftler Carl Sagan, der ehemalige US-Aussenminister Henry Kissinger und der ehemalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara teilnahmen. Rund 100 Millionen Zuschauer sahen den Film bei seiner Erstausstrahlung. Präsident Ronald Reagan, der den Film ebenfalls gesehen hatte, schrieb in seinen Memoiren, dass der Film ihn sehr niedergeschlagen gemacht hätte und danach bei ihm ein Umdenken bezüglich Atomwaffen eingesetzt hätte. Im Herbst desselben Jahres wäre es beinahe zu einem realen Atomkrieg gekommen. Das Frühwarnsystem meldete einen Raketenangriff auf die UdSSR. Oberstleutnant Stanislaw Petrow erkannte dies als Fehlalarm und verhinderte damit ziemlich sicher den Ausbruch des Dritten Weltkriegs. Bekannt wurde dieser Fall jedoch erst mehr als zehn Jahre später.

Abschliessende Gedanken

Zu einem solchen Thema etwas wie ein Fazit zu ziehen ist kaum möglich. Wir haben gesehen, dass es ernsthafte Auseinandersetzungen mit den Themen Atombombe und Kernkraftwerk gibt, aber diese sind klar in der Minderheit. Drehbuchautoren sollten aufhören, Atombomben so inflationär zu verwenden, vor allem wenn ihre Auswirkungen dann nicht Teil der weiteren Story sind, sondern es fernab an einem anderen Ort geschieht.

Filme wie The Day After zeigen nur die amerikanische Seite. Da aber im Film die Interkontinentalraketen in Richtung UdSSR gestartet sind, kann man davon ausgehen, dass die Menschen dort ähnliches durchmachen. So ist auch klar, dass es auf beiden Seiten bei einem Atomkrieg nur Verlierer gibt.

Wir – und damit auch die gesamte Bevölkerung – brauchen Vertrauen, dass nicht irgendwo ein durchgeknallter Despot oder ein über-ehrgeiziger KKW-Ingenieur durchdrehen und irgendwelche Knöpfe drücken und einen Vorgang auslösen der sich nicht mehr stoppen lässt. Und hier sind wir an einem Punkt, wo sich Realität und Pop-Kultur gegenseitig befruchten.

Meldungen von geheim gehaltenen Störfällen wie etwa im Fall des französischen Kraftwerk Fessenheim oder Betriebsbewilligungen trotz Rissen im Reaktor sind nicht gerade vertrauensfördernd. Die Industrie braucht sich nicht zu wundern, dass ihr so viel Misstrauen entgegen gebracht wird und dass damit erst Recht die Fantasie von Autoren, Spieleentwicklern und Film-Produzenten beflügelt wird. Denn es sind nicht nur die drei grossen bekannten Kraftwerkunfälle von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima, sondern die vielen anderen Unfälle oder die Berichte, in welchem Zustand sich Kraftwerke befinden und trotzdem weiterlaufen und von den Betreibern und Politik als unbedenklich eingestuft werden. Die Liste von Unfällen in kerntechnischen Anlagen (Wikipedia) zeigt, was alles schon für Unfälle passiert sind, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Dazu gehört unter anderem der Unfall in der russischen Wiederaufarbeitungsanlage Majak im Jahre 1957, bei dem mehr Radioaktivität freigesetzt wurde als später in Tschernobyl. Da aber kein grosses Gebiet kontaminiert wurde, konnte die UdSSR den Unfall rund 30 Jahre lang geheim halten.

Die grösste Bedrohung geht wohl bei uns in Westeuropa von maroden Kraftwerken aus, viele Anlagen sind bei uns in ein gewisses Alter gekommen. Und die politische und gesellschaftliche Akzeptanz für Neubauten ist kaum gegeben. So läuft bei uns in der Schweiz mit Beznau I das älteste KKW der Welt, ein Rekord auf den man gut verzichten kann. Es liefert seit 1969 Strom, also seit 47 Jahren.

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KKW Beznau. Quelle: luftbilder-der-schweiz.ch

Und was wohl vielen Leuten auch nicht so bewusst ist, mit „Abschalten“ ist es noch lange nicht getan, der geordnete Rückbau und die Entsorgung eines KKW dauert rund zehn Jahre, in denen der Reaktor weiter strahlt und gekühlt werden muss. Denn das ist das fiese an der Strahlung: man sieht sie nicht, man riecht sie nicht – und trotzdem ist sie tödlich.


Veröffentlicht in Gesellschaft, Politik, Teaser, Themen, Tschernobyl
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