Vom globalen Problem zu den lokalen Verhältnissen – nach wir im vorangegangenen Beitrag die gezielte Sperrung von Web-Inhalten und die Verwertungskette von Spielfilmen und TV-Serien kritisiert hatten, kommen wir jetzt auf unsere ersten Erfahrungen mit Netflix in unserem Heimatland Schweiz zu sprechen. Aber das geht nicht ohne vorher auf das gebührenfinanzierte Fernsehen und die anderen Player in der Schweizer Medienlandschaft einzugehen.

Schweizer Medienlandschaft

Gebührenfinanziertes Fernsehen

Die Fernsehlandschaft in der Schweiz wird von einer gebührenfinanzierten Sendeanstalt, der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG, dominiert und die gesetzlichen Bestimmungen sind so gehalten, dass ihre Vormachstellung nicht in Frage gestellt wird. Somit kann von Vielfalt bei der Programmauswahl keine Rede sein. Bei Politikern gilt die SRG als „heilige Kuh“, die nicht angefasst werden darf. Im gesetzlichen Auftrag an die SRG ist der so genannte „Service public“ verankert, der die Versorgung der Schweizer Bevölkerung mit Radio- und Fernsehprogrammen sowie die Meinungsvielfalt sicher stellen soll. Trotz der politisch gesicherten Vormachtstellung kommen die verschiedenen Sender der SRG im Durchschnitt nicht einmal auf einen Marktanteil von 40 Prozent.

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Die SRG ist so standfest wie die Schweizer Alpen. Quelle: freeimages.com

Über dieses Thema haben wir letztes Jahr schon einmal ausführlich geschrieben, geändert hat sich seitdem nichts grundlegendes:

Aus gesellschaftlicher Sicht leben die SRG und die Politiker, die sie unterstützen, in einer eigenen Welt der Selbsttäuschung. Gemäss ihrem eigenen Verständnis leistet die SRG „einen Beitrag zum Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Landesteilen, zum Austausch zwischen den Sprachregionen und zum gegenseitigen Verständnis der verschiedenen Kulturen.“ Wie das genau funktioniert, hat bis heute keine Politiker erklärt. Aber es tönt halt gut und wer kann schon ernsthaft gegen einen Zusammenhalt der Landesteile sein? Wie gross dieser Zusammenhalt dann wirklich ist, sieht man immer wieder in den eidgenössischen Abstimmungen.

Aber auch aus medienpolitischer Sicht ist das Konstrukt öffentlich-rechtliches Fernsehen stossend. Man sagt zwar, die SRG sei politisch unabhängig, aber wer auf Mediengesetze und gesetzlich verankerte Gebühren angewiesen ist, kann ja von der Politik – die schlussendlich genau diese Gesetze macht – gar nicht unabhängig sein.
(Quelle: „Wir müssen weiterhin TV-Gebühren bezahlen“ / hitzestau.com)

Das Konstrukt „gebührenfinanziertes Fernsehen“ kann man nur als zu tiefst undemokratisch bezeichnen. Dem Konsumenten wird keine Wahl gelassen, es wird ihm eine Gebühr, die unabhängig von seinem tatsächlichen Konsum ist, aufgezwungen. Das ist nicht mehr zeitgemäss, die Zeiten als in den 1950er Jahren eine kostspielige Infrastruktur für die Produktion und Verbreitung des Fernsehens aufgebaut werden musste, sind vorbei.

Und wie sieht es mit Serien beim Schweizer Fernsehen aus? Das Programm ist geprägt von Informationsendungen, Unterhaltungssendungen mit Lokalkolorit und eingekauften Showformaten. Amerikanische Serien sind nur wenige im Programm. Allerdings muss man dem Schweizer Fernsehen zu Gute halten, dass sie schon früh Serien wie „Desperate Housewives“ im Zweikanal-Ton (also deutsch und den englischen Original-Ton) ausgestrahlt haben.

Kabelanbieter & VOD

Deutschsprachige Privatsender aus dem Ausland zeigen auch Serien, aber nur mit viel Werbung und meist nur eine Episode pro Woche – oder sie setzen sie bei zu wenig Zuschauern gleich wieder ab. Sender, die auf die Ausstrahlung von Serien spezialisiert sind, kann man meist nur als Pay-TV oder als Teil eines Zusatzabonnements bei einem Kabelanbieter empfangen. Wer einzelne Episoden einer Serie aus der TV-Ausstrahlung aufnehmen will, ist auf ein Abo mit Set-Top Box angewiesen. Ein allgemeines Replay reicht beispielsweise bei der Cablecom nur 30 Stunden zurück. Aber auch dort gilt meistens: Nur eine Episode pro Woche in deutscher Synchronisation und die deutsche Eigenart, mitten in einer Staffel eine längeren Unterbruch einzulegen.

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Quelle: Screenshot upc-cablecom.ch

Video on Demand-Dienste sind in der Schweiz praktisch nicht vertreten. Anbieter wie UPC Cablecom oder Swisscom TV bieten VOD-Dienste als kostenpflichtige Zusatzleistung nur für ihre eigenen Abonnenten an, die immer an eine Set-Top Box gekoppelt sind. Unabhängige Anbieter wie Teleboy haben ihr Angebot bereits wieder eingestellt oder fristen ein Schattendasein ohne attraktiven Katalog an Serien oder Filmen. Dienste wie Amazon Instant Video sind in der Schweiz nicht verfügbar. Als wahres Urgestein in der Schweizer Fernsehlandschaft kann man Teleclub bezeichnen. Bereits 1982 ging Teleclub als einer der ersten Bezahlsender Europas auf Sendung. Das Programm wird über die verschiedenen Schweizer Kabelnetzbetreiber verteilt und ist auf Spielfilme, TV-Serien und Dokumentation spezialisiert.

Veränderte Sehgewohnheiten

Nicht nur unsere Fernseh-Gewohnheiten haben sich den letzten Jahren stark geändert. Immer mehr Leute entscheiden selber, wann sie eine bestimmte Sendung sehen wollen. Die Tagesabläufe – also Arbeitszeiten und Freizeitgestaltung – richten sich nicht mehr nach dem linearen Fernsehprogramm. Technische Möglichkeiten wie Aufzeichnung mit der Set-Top Box oder zeitversetztes Sehen dank Replay-Funktionen kommen dem entgegen. Dennoch halten die gebührenfinanzierten Sender am Konzept eines fix ausgestalten Programms fest, obwohl sich die Konsumbedürfnisse der Zuschauer weiter entwickeln.

„Ich will sehen, was mich interessiert, und nicht was so genannte Programmgestalter mir vorsetzen.“ (Archangel von hitzestau.com)

Noch vor ein paar Jahren haben wir mittels Set-Top Box Fernsehen geschaut und viele Sendungen aufgezeichnet oder zeitversetzt gesehen.

„Mit Set-Top Boxen haben wir jahrelang hauptsächlich schlechte Erfahrungen gemacht: Sie sind schwerfällig in der Bedienung und die Programmierung einzelner Sendungen ist nicht sehr zuverlässig, da der Programmguide keine Verschiebungen bei Anfangs- und Endzeiten übernimmt.“ (Monk-Trader von hitzestau.com)

Vor rund zwei Jahren haben wir auf Web-TV mit Zattoo umgestellt und ausser News so gut wie nichts mehr geschaut. Spielfilme und vor allem Serien haben wir uns aus anderen Quellen beschafft. Unterdessen sind wir sogar weg von Zattoo und streamen gelegentlich eine Newssendung via iPad-App und Apple-TV auf den Fernseher.

Auftritt Netflix Schweiz

Dies ist kurz zusammengefasst der „Markt“ – wenn man dieses Wort wirklich verwenden will – in dem Netflix im vergangenen Herbst in der Schweiz seinen Auftritt gemacht hat. Wir hatten grosse Erwartungen in den Schweizer Start von Netflix. Wir erhofften uns einen einfacheren Zugang zu neuen Serien und neuen Staffeln von Serien, die wir schon kannten. Was wir uns wünschten, war ein Zugang zu den aktuellen Staffeln von US-Serien: dies vor dem Hintergrund der „Not available in your country“-Problematik und der oft sehr restriktiven Vermarkungskette der amerikanischen Produzenten.

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Ein Ausschnitt aus dem Netflix-Katalog. Quelle: Screenshot netflix.ch

Die Schweizer Medien haben eine unterdessen eine Bilanz gezogen, die nicht gerade sehr erfreulich ausfällt für Netflix. Gemäss einer Umfrage von comparis.ch kannte zwar fast die Hälfte der Befragten Netflix, aber nur drei Prozent hatten auch ein Abo. Gründe für die geringe Verbreitung in der Schweiz gingen aus der Umfrage nicht hervor.

Also können wir nur unsere eigenen Überlegungen anführen: Was wir bei Netflix zu Gesicht bekamen, war enttäuschend: Wenig grosse Spielfilme und ein überschaubares Angebot an TV-Serien, mit zum Teil mehrjährigem Rückstand auf die jeweils aktuelle Staffel. Aber auch die Tatsache, dass mit den gesetzlich verordneten Gebühren und den Abos bei Kabelnetzbetreibern schon viel Geld fürs Fernsehen ausgegeben wird, dürfte bei vielen Leuten die Bereitschaft nicht gerade steigern, noch mehr Geld in den Fernsehkonsum zu investieren. Immerhin haben wir auch die eine oder andere uns bisher unbekannte Serie entdeckt – zum Beispiel „Pretty Little Liars“ oder „Penny Dreadful“. Aber grundsätzlich kommt Netflix unsern Sehgewohnheiten entgegen: Je nach Serie sind mehrere Staffeln verfügbar und generell ist unser Sehverhalten zielgerichteter geworden.

Die Probleme bleiben…

Dass Netflix die internationalen Strukturen der Unterhaltungsindustrie und der Rechteverwerter nicht aufbrechen kann, so wie wir es uns gewünscht haben, haben wir unterdessen auch gemerkt. Interessanterweise sieht man auch beim Streaming-Anbieter Netflix die Vermarktungsstrategien der Filmindustrie als Grund, warum User sich Filme von illegalen Plattformen herunterladen oder streamen. Netflix würde die langen Wartezeiten in der Verwertungskette gerne abschaffen, erklärte Kelly Merryman, Netflix Vice President für Content Acquisition gegenüber dem Magazin Tweakers. Zum Teil beruhe das Angebot von Netflix sogar darauf, was gut auf Bittorrent-Netzwerken und anderen Seiten laufe. Noch deutlicher wurde Joris Evers, Netflix-Europa-Sprecher im Gespräch mit golem.de:

Netflix würde Kinofilme und TV-Serien gerne allen seinen Nutzern weltweit gleichzeitig zu einem möglichst frühen Zeitpunkt bereitstellen, was aber durch die Vermarktungsstrategien der Filmindustrie bislang nicht möglich ist. (Quelle: golem.de)

…oder doch nicht?

In unserem ersten Artikel über Netflix kurz nach dem Start in der Schweiz hatte Archangel geschrieben:

Aber nochmals zurück zur eingangs gestellten Frage: Filehoster oder Netflix? Wenn es um die aktuellen Serienstaffeln geht, zieht Netflix bei mir ganz klar den Kürzeren. Damit wäre die Frage eigentlich beantwortet. Wo Netflix aktuell für mich Potential hat ist, wenn es um ältere Serien geht, die ich bisher nicht geschaut habe. Aber irgendwann habe ich das auch alles gesehen. Wenn Netflix mich als dauerhaften Kunden gewinnen will, müssen sie kräftig in Aktualität investieren und sich dabei an der US-Ausstrahlung orientieren.
(Quelle: „Netflix – Revolution per Streaming?“ hitzestau.com)

Netflix kann den Schweizer Store wohl kaum so schnell aktualisieren und mit neuen Inhalten füllen, wie wir es gerne hätten. Eine Möglichkeit ist, auf Netflix-Angebote aus anderen Ländern auszuweichen. Dazu benötigt man einen VPN-Service oder DNS-Server eines spezialisierten Anbieters. Wie das genau funktioniert und dass man damit auch grundsätzlich die „Not available in your country“-Problematik umgehen kann, zeigen wir Euch im nächsten Beitrag.


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