Autor: Archangel

Wer’s erfunden hat, lässt sich rückblickend kaum noch ausfindig machen. Der Begriff „Bendgate“ kam bei der Markteinführung von Apple’s iPhone 6 und 6 Plus im vergangenen Herbst auf, als sich angeblich Geräte in den Hosentaschen der Kunden verbogen. Die ganze Geschichte bekam eine nicht mehr zu kontrollierende Eigendynamik und wandelte sich von reinen Kundenreklamationen hin zu bewusster Zerstörung von Produkten. Ein trauriger Höhepunkt war der Tag, als Teenager in einem Londoner Apple Store bewusst iPhones verbogen und sich dabei filmten.

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Screenshot Bericht auf digitaltrends.com

Der „Gate“-typische Spott liess weltweit nicht auf sich warten. Wie immer bei solchen Geschichten, ebbte die Negativberichterstattung irgendwann ab. Doch für die Reviewer und Produkttester – zu denen wir selber auch gehören – ist bei Smartphones ein neues Kriterium hinzugekommen. Es geht nicht mehr nur um Displayqualität oder WLAN-Geschwindigkeit. Für manche heisst die Frage jetzt „Does it bend?“ – „Lässt es sich verbiegen?“, ganz in Anlehnung an die Werbekampagne von Mixerhersteller Blendtec, der schon so ziemlich alle passenden Produkte in seinem Mixer zu Staub zerschreddert hat. Auch das erste iPhone und die nachfolgenden Modelle mussten diese Prozedur unter dem Motto „Will it Blend?“ über sich ergehen lassen.

Auch in der Zerstörung liegt zugegebenermassen eine gewisse Faszination. Katastrophenfilme, in denen New York von einer Mega-Welle oder einem radioaktiven Monster zerstört wird, ziehen auch heute noch die Massen ins Kino. Aber die eigentliche Frage ist viel mehr, ob Zerstörung auch ein Kriterium bei der Berichterstattung über Produkte sein kann.

Mit genügend Willen und Kraft kann man so ziemlich alles kaputt kriegen. Hersteller investieren viel Geld und Entwicklungszeit darin, ihre Produkte stabil und alltagstauglich zu machen. Sei es nun ein Smartphone, ein Bürostuhl oder ein Auto. Klar gibt es für manche Produkte mehr Vorschriften was Belastbarkeit und Sicherheit anbelangt, als bei anderen. Autos gehen in der Entwicklung durch eine ganze Serie von Crashtests, bevor sie in die Serienfertigung gehen. Hier es auch um die Sicherheit im Strassenverkehr und den Schutz der Passagiere bei einem Unfall. Bei Smartphones sieht es aber doch etwas anders aus. Wenn man ein Smartphone im Alltag benutzt, kann es auch Unfälle geben. Es kann zum Beispiel unnachsichtig herunterfallen – das ist mir auch schon passiert. Als Kunde erwarte ich dann natürlich auch, dass es nach einem Sturz nicht gleich kaputt ist, und nehme mir vor, in Zukunft achtsamer zu sein. Aber weder als zahlender Kunde noch als Blogger, der Geräte testet, käme es mir in den Sinn herauszufinden, wie weit man gehen kann, bis etwas kaputt geht.

Was Teenager noch als Hands-On im Londoner Apple Store praktiziert haben, hat der Versicherer SquareTrade nun in eine pseudo-wissenschaftliche Methode verpackt. Der „BendBot“, ein Testroboter der nichts anderes tut als Geräte zu verbiegen, hat gleich mehrere aktuelle Smartphone-Modelle einer Prüfung unterzogen. Das Medienecho liess natürlich nicht lange auf sich warten – auch Samsung sieht sich aktuell mit einer „Bendgate Reloaded“-Berichterstattung konfrontiert. Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass SquareTrade als Anbieter von Versicherungen auf so genannte „Protection Plans“ für Smartphones, Tablets, Notebooks und andere digitale Begleiter des Alltags spezialisiert ist. Es ist daher im ureigenen Interesse des Unternehmens, „Schwachstellen“ bei Produkten aufzuzeigen – aber macht ja nix, die passende Versicherung bieten sie auch gleich mit an, wie praktisch. Dass damit für die Produkte der Hersteller eine Menge Negativ-Berichterstattung produziert wird, ist ihnen scheinbar egal. Mit cleverem Marketing lässt sich das spielend als Kundenservice umdeuten. Hier sind das Video und die Medienmitteilung von SquareTrade, wo ihre Testmethode beschrieben ist.

Ein Smartphone muss unter Alltagsbedingungen stabil sein, aber einen gewissen Respekt sollte man vor den Geräten trotzdem immer haben. Und ob die Hosentasche für ein Gerät, das fast nur aus einem grossen Display und einer flachen Rückseite aus Metall besteht und dabei nur wenige Millimeter dick ist, wirklich der beste Aufbewahrungsort ist, muss jeder Käufer für sich selber entscheiden. Ich denke, dass solche Geräte in einer Jackentasche oder einer Tasche besser aufgehoben sind.

Samsung hat den Test von SquareTrade nicht auf sich sitzen lassen und zweifelt an, ob die Testkriterien wirklich der Alltagsbelastung der Geräte entsprechen. In einem Blogbeitrag hat das Unternehmen einen Einblick in die eigenen Produktetest gegeben. Zum Beitrag gehört auch dieses Video:

Trotzdem macht der SquareTrade-Test die Runde durch alle Online-Medien.

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Screenshot Google-Suchergebnisse

Ich will hier nicht die Hersteller über alle Massen in Schutz nehmen. Wer Produkte verkauft, muss auch damit leben, dass sie von Leuten getestet werden und dass darüber geschrieben wird. Aber einfach auszuprobieren, wie lange es dauert, bis etwas kaputt geht, ist keine seriöse Vorgehensweise. Vor allem, wenn so ein Test von einem Versicherungsunternehmen kommt, das damit eigentlich nur Werbung für sich selber machen will und Kollateralschäden billigend in Kauf nimmt. Ist es hierbei von den Medien zu viel verlangt, sich dann nicht noch „vor den Karren spannen zu lassen“ und kostenlos die Werbebotschaft von SquareTrade weiter zu verbreiten?


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